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Erika turnt sich und andere jung

Mit ihren weltweit gefeierten Fitness-Videos motiviert die 81-Jährige zu einem aktiveren Leben

Lächelnd im Schwebesitz posieren oder mit einer 50-Kilo-Last auf dem Rücken im Unterarmstütz ausharren? Kein Problem für die 81-Jährige Erika Rischko. Bei ihrer Fitness sieht sogar manch Mittzwanziger alt aus. Kein Wunder, dass die Sportskanone als Mutmacherin dieser Tage gilt und in den sozialen Medien weltweit als Star gefeiert wird. Mit ihren Videos animiert sie Jung und Alt zu mehr Bewegung und zeigt, dass man als Ruheständler nicht zum alten Eisen zählen muss. Allein auf der Jugend-Plattform TikTok, wo ihr bester Beitrag über neun Millionen Klicks generierte und Ehemann Dieter (81) sie auch gern mal zum Tänzchen bittet, hat sie über 150 000 Follower (Link zu Erikas Profil). „TikTok ist einfach lustig“, sagt sie. Als Trendsetterin will Erika sich aber nicht verstanden wissen, eher als Fitness-Junkie. Schließlich, gesteht sie lachend, sei es ja auch ein bisschen Sucht.

Kaum schloss im Lockdown das Sportstudio, in dem sie 15 Stunden pro Woche trainierte, wurde die Rheinländerin erfinderisch. Tochter Silke (51) war es dann, die sie beim heimischen Training filmte. Sie stellte die Videos ins Netz und schon nahm alles seinen Lauf. Was Erika antreibt, ist die positive Resonanz. „Könnt ihr nicht meine Großeltern sein?“, fragte beispielsweise ein Fan. „Da geht mir das Herz auf“, sagt die alte Dame gerührt. Auch der Sport selbst ist ein Herzensthema für sie, die ihr Leben mit künstlichen Knien und einer versteiften Lendenwirbelsäule meistert. „Bewegung ist so wichtig, erst recht im Alter.“ Genuss und Spaß bleiben aber nie auf der Strecke. So kann es bei Erika auch mal ein Stück Buttercremetorte sein. Und das dürfte sie sich ja ratzfatz wieder abtrainieren.

Jana verwandelt Einsamkeit in Lebensfreude

Traurigkeit und Leere. Ein Gefühl, als wäre ich nicht vollständig.“ So beschreibt Jana Zeh (21) im Gespräch mit auf einen Blick, was Einsamkeit für sie selbst bedeutet. Die junge Frau weiß, dass sie mit diesen komplexen Gefühlen nicht allein ist und gründet deshalb kurz entschlossen eine ganz besondere Selbsthilfegruppe.

Jana war 17 Jahre alt, gerade dabei, Abitur zu machen, als ihr die Idee kam. Sie selbst hatte schon mit mehreren psychologischen Problemen zu kämpfen und fühlte sich damit in ihrer ländlichen Heimat aufgeschmissen. „Man redet hier über so was nicht. Unterstützung gibt es, wenn überhaupt, erst in der nächsten großen Stadt“, sagt sie über die Chiemsee-Region.

Also beschließt sie, zunächst anonym, einen Aufruf auf Facebook für eine Gesprächsgruppe zu starten. Die Resonanz ist groß und das Projekt „Ich bin nicht allein“ war geboren. „Wir sind ein kunterbunter Haufen“, sagt Jana über die ca. 25 Teilnehmer. Von 16 bis 80 ist jedes Alter dabei. Manche haben psychische Probleme, andere körperliche Krankheiten oder machen gerade eine Krise durch. Was sie aber alle gemeinsam haben: Sie fühlen sich einsam. „Bei uns sind alle willkommen. Unsere Gruppe ist nicht nur für eine ganz bestimmte Art von Betroffenen“, erklärt Jana ihr Konzept. In den Gesprächsrunden geht es sehr familiär und locker zu. Jeder bekommt Zeit, sich mitzuteilen. Dafür werden kleinere Gesprächsgruppen gebildet, es wird gespielt und auch mal gesungen. „Mir geht es bei den Treffen auch darum, Freude zu vermitteln.“

Ein Konzept, das aufgeht. Manch ein Teilnehmer nimmt mehrere Stunden Autofahrt für die zweiwöchentlichen Sitzungen auf sich. Ein Zeichen dafür, wie sehr Angebote wie dieses in Deutschland gebraucht werden. „Ich bin gerade in Kontakt mit jemandem in NRW, der dort genauso eine Gruppe gründen will“, sagt die Studentin der Gesundheitswissenschaften. „Vielleicht kann die Idee bald Leuten im ganzen Land das Leben etwas erleichtern.“ Als Heldin sieht sie sich aber nicht. „Das Projekt hilft mir schließlich auch selbst und erfüllt mich sehr. Ich freue mich einfach, wenn ich anderen damit helfen kann.“

Wie eine Löwin kämpft Christa für ihre Enkelin

Ein Feuer nahm ihr das Zuhause, aber nicht ihre Stärke

Es ist nicht der berühmte Lottogewinn, auch nicht die Weltreise. Wenn Christa Ocepek (67) von der Zukunft träumt, dann wünscht sich die Rentnerin nur eines: endlich Beständigkeit. Keine Prüfungen mehr, kein Leid, keine quälenden Fragen mehr nach dem „Warum?“. Einfach ein Leben, in dem sie ganz in Ruhe für ihre Enkelin Johanna (6) da sein darf.

In den letzten vier Jahren musste die Hamburgerin ihre Mutter, ihren Mann und sogar ihre Tochter zu Grabe tragen. Doch Zeit zu trauern hatte Christa nicht. Während viele andere in ihrem Alter den Ruhestand genießen, fing die Norddeutsche nochmal von vorne an. Sie nimmt ihre kleine Enkelin zu sich (zum Vater besteht erst seit Kurzem wieder Kontakt), erzieht sie, trocknet Tränen, schenkt ihr Mut. Und überwindet dabei schier endlos hohe Hürden.

Denn im März nahm ein Brand Christa und Johanna das Zuhause, den Ort, an dem die Rentnerin und ihre Familie über Jahrzehnte gelebt hatten. „Der Verlust der Mutter war doch schon traumatisch genug für meine Enkelin!“, sagt Christa im Gespräch mit auf einen Blick und in ihren wachen Augen schimmern die Tränen. Die Sorge vor der Zukunft ist unermesslich. In der Wohnung, die ihnen für den Übergang zur Verfügung gestellt wurde, können sie nur bis September bleiben. Die Suche nach einer neuen, bezahlbaren Bleibe, fast unmöglich in einer Stadt wie Hamburg. Erschwerend kommt hinzu, dass Christa ihren Stadtteil Eidelstedt nicht verlassen kann. „Johanna kommt jetzt in die Vorschule, freut sich schon darauf, mit ihren Kindergartenfreunden in einer Klasse zu sein“, so Christa.

Die Großmutter will ihrer Enkelin nicht auch noch das soziale Umfeld nehmen. Deshalb kämpft sie Tag für Tag um eine neue Wohnung, versucht einen der begehrten Besichtigungstermine zu ergattern. Zusätzlich wartet der Papierkram für Versicherungen und Ämter auf sie. „Manchmal ist es zum Verzweifeln“, gesteht Christa. Doch Aufgeben ist keine Option. Löwinnen geben nicht auf.

Ich habe meinen Lebensretter geheiratet

Für Menschen, die eine Knochenmarkspende brauchen, ist der passende Spender ein Geschenk des Himmels. Für Selina Läufer (32) aber wurde er gleich zum doppelten Himmels-Geschenk …

Sie war 19, als sie die Schockdiagnose erhielt: Blutkrebs. Nur eine Knochenmarkspende konnte sie heilen. „Ich traute mich kaum, es zu glauben, als ein Spender gefunden wurde“, erzählt sie im Gespräch mit auf einen Blick. Es war Hans-Uwe Läufer (55), der sich bereits in den 90ern bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) hatte registrieren lassen. „Wenn durch so etwas ein Leben gerettet werden kann, ist das doch selbstverständlich.“

Zwei Jahre müssen vergehen, ehe Patient und Spender Daten austauschen und sich kennenlernen können. Für Selina war sofort klar, dass sie ihren Lebensretter kennenlernen wollte. Er jedoch wollte zunächst keinen Kontakt. „Erst ein Jahr, nachdem ich ihm einen Brief geschrieben hatte, meldete er sich auf Facebook“, erzählt Selina: „Ich glaube, ich bin dein Spender“. Ein kurzer Satz, der alles verändern sollte. Denn nicht nur genetisch passten die schwäbische Verwaltungsangestellte und der 23 Jahre ältere Badener Zollbeamte perfekt zueinander. Schon bald telefonierten sie fast täglich. „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden“, sagt Selina. „Bei einem BossHoss-Konzert in Stuttgart haben wir uns zum ersten Mal getroffen“, so Hans-Uwe. Und was sich am Telefon wie Freundschaft angefühlt hatte, wurde bald mehr.

Anfangs gab es jedoch auch Zweifel. Selina: „Unser Altersunterschied ist schon groß. Und eigentlich wollte Uwe nach schlechten Erfahrungen keine Beziehung mehr.“ Doch das konnte sie nicht trennen: Seit sieben Jahren sind sie ein Paar und seit einem Jahr glücklich verheiratet. Um sich bei Hans-Uwe zu bedanken, ließ Selina ihm in der ZDF-Show „Mein Lied für dich“ Anfang des Jahres von Sarah Connor ein Ständchen bringen: „Ich hätte kein schöneres Geschenk bekommen können, als einen Ehemann und Stammzellspender zugleich!“

DKMS Knochenmarkspende Hochzeit Liebe

Freundschaft ist die beste Seelenmedizin

Das unglaubliche Schicksal der Stefanie Ewald

…und wie ihre vier Freundinnen ihr durch den beschwerlichen Alltag helfen und Mut und Kraft geben

Wenn Stefanie Ewald (35) erzählt, teilt sie ihr Leben in zwei Hälften. Da gibt es dieses Leben vor der Diagnose, das sie als „stinknormal“ bezeichnet und das für sie heute oft wirkt wie die Geschichte einer anderen Frau. Und dann gibt es das Leben heute. Die Realität, die Außenstehenden den Atem nimmt.

Nach dem Krebstod ihres zehnjährigen Sohnes Ende 2019 starb im März dieses Jahres auch ihr Mann Sebastian (37) an einem gestreuten Lungenkrebs. Ihre Tochter Neele (7) hatte schon einen Tumor im Oberschenkel, kämpfte sich durch diverse Chemos. Und als wäre das alles nicht genug, wurde kürzlich auch bei Stefanie selbst aggressiver Brustkrebs diagnostiziert (auf einen Blick berichtete).

Ein „stinknormales“ Leben wie früher ist für die junge Mutter seither nur noch eine leise Hoffnung. Der Grund ist ein äußerst seltener Gendefekt: das Li-Fraumeni-Syndrom, welches häufige und frühe Krebs-Erkrankungen auslöst. Alle, bis auf die kleinste Tochter Lenja tragen dieses Gen in sich. „Es gibt auch Tage, an denen ich nur noch Schwarz sehe. An denen ich kaum Kraft habe aufzustehen“, gesteht Stefanie.

Doch zum Glück hat sie Schutzengel, die ihr auf Erden beistehen. Treue Freundinnen, die sie stützen, wenn mal wieder alles über ihr einzustürzen droht. Für die Freundschaft nicht nur ein Wort, sondern eine Lebenseinstellung ist. In guten und in diesen tiefdunklen Tagen. Andrea Hieke hilft Stefanie, Arztberichte und Diagnosen richtig einzuordnen. Ines Bober besucht Stefanie fast jeden zweiten Tag, denn ihr Sohn war mit Jonas eng befreundet. Sie kocht mit ihr und achtet darauf, dass sie ausreichend isst, spielt mit den Kindern und ist eine große Stütze im manchmal beschwerlichen Alltag. Nadine Weiner und Susann Schreiber generieren z.B. Spenden für Therapien, Ausflüge und Co..

Kennengelernt haben sich alle vor über zehn Jahren beim Geburtsvorbereitungskurs des verstorbenen Jonas. Über die Zeit sind sie zu einer Einheit zusammengewachsen und besprechen beim wöchentlichen Kaffeetrinken alles, was so anfällt. Dabei werden aber nicht nur Probleme gewälzt, auf einen Blick sondern es wird auch mal herzlich miteinander gelacht. Das ist allen, aber besonders Stefanie wichtig ist, denn diese seltenen Glücksmomente geben ihr viel Kraft.

Ein heller Silberstreifen am Horizont ist auch die von ihren Mädels initiierte Spendenkampagne (www.gofundme.com/f/familieewald). Menschen aus Deutschland und Europa spenden nicht nur Geld, sondern bauen Steffi mit lieben Worten auf. Susann Schreiber ist begeistert: „Gerade in den heutigen Zeiten, wo die Welt einem das Gefühl vermittelt, dass es nur noch wenig Menschlichkeit gibt, hat diese Anteilnahme alle vom Gegenteil überzeugt.“ Das ist etwas, was alle für immer in ihren Herzen tragen werden – komme, was wolle.

Der mutige Kampf einer misshandelten Ehefrau

Gloria Morena (34) wurde von ihrem Ex-Mann geschlagen. Heute hilft sie anderen Opfern

Ein Mann, der seine Frau beleidigt, sie erniedrigt und schlägt, der hat nie Recht. Niemals! Ganz im Gegenteil. Er ist an Armseligkeit nicht zu unterbieten!“ Wenn es um häusliche Gewalt geht, nimmt Gloria Morena kein Blatt vor den Mund.

Die zweifache Mutter aus Speyer hat es sich zur Mission gemacht, betroffenen Frauen zu helfen, aus der Beziehungshölle auszubrechen. In ihrem Podcast „mehrWERT Frau“, einer Vortragsreihe im Internet, gibt sie u.a. rechtliche und praktische Tipps für die Flucht in ein Leben ohne Gewalt und eine Spirale aus Angst. Auch an Schulen hält Gloria Vorträge. „Ich will nicht nur akut helfen, ich will das Thema auch in die Öffentlichkeit bringen“, sagt Gloria zu auf einen Blick.

Tatsächlich wird in Deutschland jede Stunde eine Frau Opfer von Gewalt. Doch die meisten von ihnen schweigen über ihr Martyrium – aus Scham, aus blanker Furcht. Gloria will ihnen eine Stimme geben, ihnen Mut machen.

Denn die 34-Jährige weiß zu genau, wovon sie spricht. Ihr Ex-Mann hat sie regelmäßig verprügelt. Immer wieder fand er einen vermeintlichen Grund und rastete aus: die falsche Kleidung, ein angeblicher Blickkontakt mit einem anderen Mann. Er schlug dann so stark zu, dass Glorias Gesicht völlig zugequollen war oder dass sie anschließend gewaltige Hämatome hatte. „Er hat mich sogar einmal in den Rücken getreten, so dass ich die letzten Stufen der Treppe hinunterfiel. Da war ich im siebten Monat schwanger“, erzählt Gloria.

Als er kurz nach der Geburt versuchte, Gloria den gemeinsamen Sohn (heute 15) zu entreißen, nahm die junge Frau allen Mut zusammen und rief die Polizei. „Mein Kind hat mir die Kraft gegeben,“ sagt sie heute.

Ein Jahr verbringen Mutter und Sohn im Frauenhaus – zum Schutz. Und auch danach dauerte es noch Jahre, bis ihr Ex-Mann aufhörte, sie zu bedrohen. Doch ihr Mut, sich und ihren Sohn zu retten, hat sich gelohnt. Und damit ist Gloria nicht nur die beste Ratgeberin für geschlagenen Frauen, sie ist auch das beste Vorbild.

Marie Dennemärker Corona Tod Vater

Nach Corona-Tod des Vaters kämpft Marie für ihre Geschwister

Das Coronavirus nahm Familie Dennemärker den Vater, ihren Fels in der Brandung. Doch Tochter Marie kämpft für einen Neuanfang und mehr Rücksichtnahme

Papa muss getestet werden.“ Als Marie bei der Arbeit diese Nachricht ihrer Mutter liest, ahnt die 19-Jährige nicht, das dieser eine Satz ihr Leben wie ein Kartenhaus zusammenfallen lassen wird. Sie und ihre Familie hatten ein normales Leben geführt, zusammengehalten, auch wenn es mal schwer war. „Dann bekam mein Vater Halsschmerzen und Husten.“

Als klar wurde, dass Robert Dennemärker keine Erkältung, sondern das Coronavirus erwischt hatte, begann ein Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Nach fünf Wochen im Krankenhaus starb der Familienvater am 26. April.

So sehr Marie selbst unter dem Verlust leidet, so sehr bewegen sie vor allem die seelischen Qualen der anderen. „Meine kleinen Geschwister Lisa (14) und Finn (11) werden ohne ihren Vater aufwachsen. Meine Mutter verliert ihren geliebten Mann und auch finanziell wissen wir momentan nicht, wie es mit uns weitergehen wird, denn mein Vater war der Hauptverdiener.“ Marie will kämpfen, für ihre Familie, für Papa, der für sie Freund wie Held war, der sechs Tage die Woche 14–16 Stunden schuftete, um die Familie zu ernähren. Marie tröstet ihre Geschwister, hilft bei der Versorgung und arbeitet neben ihrer Ausbildung zur Erzieherin als Aushilfe im Supermarkt. Für die Familienkasse. Unterstützt wird sie von der großen Schwester Franziska (22), die ins Elternhaus zurückgezogen ist.

Außerdem hat es sich Marie zur Aufgabe gemacht, die Menschen aufzurütteln. Sie träumt von einer Welt, in der Rücksicht keine hohle Phrase ist. Ihre Geschichte soll „ein Appell an diejenigen sein, die die zerstörerische Kraft des Virus immer noch verharmlosen.“ Bei Facebook und in einem Internet-Tagebuch schildert sie daher schonungslos die Leidensgeschichte ihres Papas. „Denn ein Schicksal wie das meiner Familie und meines Vaters wünsche ich niemandem!“

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Rolf Reisten Zivilcourage Helden des Alltags

Zivilcourage ist seine Lebenseinstellung!

MUTIG! Dieser 83-Jährige stoppt Gewalttäter

Zivilcourage ist für diesen Mann kein Wort, sondern Lebensphilosophie. Auch wenn er dafür viel riskierte

Es ist dieser eine Tag, dieser eine kurze Moment, der ein Leben in ein „Vorher“ und „Nachher“ trennt. In dem aus einer gewöhnlichen Alltagssituation plötzlich die große Frage wird: Sehe ich weg oder zeige ich Zivilcourage? Bei Rolf Reisten (83) war es so ein Februartag wie immer. Er und seine Frau Karin (83) wollten spazieren gehen, um sich an den Krokusblüten zu erfreuen.

Doch mitten im Aschaffenburger Schöntalpark werden die beiden Zeugen, wie ein junger Mann lautstark mit seiner Freundin streitet. Als der Mann beginnt, seine Begleiterin zu schlagen, kann Rolf Reisten nicht länger untätig bleiben. „Da habe ich zu meiner Frau gesagt: ‚Da muss ich eingreifen‘“, erinnert er sich. Festen Schrittes geht der Bayer auf den Gewalttäter zu, versucht erst, mit Worten zu schlichten, will den jungen Mann dann von der Frau wegziehen. Doch der lässt sich nicht beruhigen, das Gemenge wird zum „richtigen Kampf“, wie Reisten schildert. Dabei bekommt der Rentner schließlich einen harten Schlag ins Gesicht ab und fällt zu Boden. „An die nächsten Minuten erinnere ich mich nicht.“

Er kommt erst wieder zu sich, als seine Frau und ein Passant ihm auf eine Parkbank helfen. „Der Passant hat auch den Notruf gewählt. Er war der Einzige, der geholfen hat“, erzählt Karin Reisten. Dass alle anderen wegsahen bei dem Kampf, das macht Rolf Reisten bis heute fassungslos. „Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen wieder mehr Zivilcourage zeigen.“ Natürlich mit Rücksicht auf die eigene Gesundheit.

Denn Rolf Reisten brachte seine Heldentat ins Krankenhaus. Diagnose: Schädelprellung mit einem Hämatom an der Schläfe. „Alles war grün und blau. Eine Woche lang schmerzte jeder Bissen.“ Was noch mehr schmerzte: Der Angreifer floh, konnte bis heute nicht gefasst werden. Dennoch: Rolf Reisten würde immer wieder eingreifen. Und auch wenn er von der fremden Frau nie ein Dankeschön gehört hat, für seine vier Enkeltöchter ist Opa ein wahrer Held!

Rolf Reisten Zivilcourage Helden des Alltags

Sandra Kocer Autounfall

Meine Mission? Endlich mehr Sicherheit im Straßenverkehr!

Sandra und ihre Schwester überlebten knapp einen Unfall. Jetzt macht sie sich stark, damit Raser endlich aufwachen

An die Sekunde, in der Sandra und ihre Schwester Tanja von einem Auto aus ihrem glücklichen Leben geschleudert wurden, kann sich die 27-Jährige nicht erinnern. Aber sie kann detailliert erzählen, was sich am 18. September 2015 ereignete und wie sie beide nach dem unverschuldeten Unfall um eine Zukunft kämpfen. Und sie erzählt es – gestärkt vom Rückhalt ihrer Familie – immer wieder, bis es jeder hört!

Um Fahrschüler zu warnen, ihnen zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich leichtfertig hinter das Steuer setzt, spricht Sandra in der BG Klinik Ludwigshafen regelmäßig vor den Jugendlichen. „Das ist nicht einfach“, sagt sie zu auf einen Blick. Aber Sandra hat sich die Aufgabe bewusst ausgesucht. „Ich habe den Traum, dass irgendwann alle Autofahrer verantwortungsbewusst handeln“, sagt sie.

Die gelernte Krankenpflegerin spricht damit die Raser, die Betrunkenen, die Drogenkonsumenten an. Menschen wie der Mann, der Sandras und Tanjas Leben für immer verändert hat. Sandra: „Im Blut unseres Unfallgegners wurde unter anderem Alkohol und Heroin nachgewiesen.“

Er war an diesem Tag zugedröhnt und mitten im Berufsverkehr mit seinem Wagen auf die Gegenfahrbahn gekommen. Tanja, die am Steuer saß, hatte keine Chance mehr, auszuweichen. Knochenbrüche, innere Verletzungen und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma bei Tanja machten die Frauen zu in Lebensgefahr schwebenden Patienten. „Wir hatten beide viel, viel Glück, dass wir überhaupt überlebt haben“, sagt Sandra. Doch bis heute leiden sie unter den Folgen. Sandra hat permanent Schmerzen, kann ihren alten Beruf nicht mehr ausüben. 20 Mal wurde sie in den vergangenen Jahren operiert. Tanja sitzt im Rollstuhl. Manchmal begleitet sie ihre Schwester zu den Präventionskursen. Und der Einsatz der beiden Frauen verfehlt seine Wirkung nicht. „Jeder, den wir erreichen, ist ein Etappenziel auf unserem Weg.“

Sandra Kocer Autounfall

Für Kinder in Not wird er zum Superhelden

Wünschen wir uns jetzt nicht alle einen Super-Helden? Michel (42) macht es vor, im Einsatz für die Kleinsten unserer Gesellschaft

Von wegen Super-Helden gibt’s nur im Film oder Comic: Kostüm an – und schwups, aus dem Schweizer Michel Fornasier (42) wird der einhändige „Bionicman“, der sich wie jeder Super-Held für Schwächere starkmacht. In seinem Fall sind es Kinder mit fehlender Hand, fehlendem Bein – Kinder, die im Rollstuhl sitzen und deshalb viel Zuspruch und Selbstvertrauen brauchen.

Einst gehörte er selbst dazu: Michel wurde ohne rechte Hand geboren. „Ich hatte immer Angst, wegen meines Handicaps abgelehnt zu werden“, sagt er im Gespräch mit auf einen Blick. Lange versuchte er, seine Behinderung zu verstecken: „35 Jahre lang habe ich die Jacke über den Armstumpf gezogen oder ihn in der Hose untergebracht.“ Dann bekam er eine bionische Handprothese (mit Motoren) und beschloss: Schluss mit dem Versteckspiel! Und siehe da: Plötzlich kam viel positiver Zuspruch.

Als ihn dann auch noch ständig Kinder auf seine silberne „Zauberhand“ ansprachen, fragten, ob er Superkräfte hätte, beschloss er, wirklich zum Super-Helden zu werden, und erfand „Bionicman“. So verkleidet, macht er seitdem in Schulen und Kliniken im gesamten deutschsprachigen Raum Kindern mit und ohne Handicap Mut: „Ich möchte zeigen, dass man Schwächen in Stärken verwandeln kann.“

Immer wieder hat er berührende Begegnungen, die ihn motivieren, weiterzumachen: „Ein Vater aus Deutschland hat mir erzählt, dass sein 12-jähriger Sohn, der keine linke Hand hat, in der Schule von zwei älteren Jungen wegen seiner Behinderung gemobbt wurde. Der Junge stellte sich dann ganz tapfer vor sie und sagte: ,Ja, ich habe nur eine Hand. Aber der ‚Bionicman‘ hat auch nur eine Hand!‘“

Kindern Mut machen, zu ihren Schwächen zu stehen, Berührungsängste abbauen, die Welt gleicher machen – das ist Michels Mission: „Ich wünsche mir eine Welt, in der alle gleich besonders sind.“ Er hat mit einem befreundeten Zeichner auch schon zwei Comics herausgebracht, der dritte erscheint Ende des Jahres. Und dann gibt es da noch seine Stiftung „Give Children a Hand“, die dafür sorgt, dass besondere Kinder besondere Prothesen bekommen. Einmal Super-Held, immer Super-Held. Mit oder ohne Cape.

NIna Böhmer Krankenschwester Bezahlung

Mutige Krankenschwester kämpft für bessere Bezahlung

Musste erst eine Pandemie ausbrechen, damit die Politik auch nur erahnt, was Klinikpersonal jeden Tag und jede Nacht leistet? Das fragen sich all die Pfleger und Krankenschwestern, die von Zimmer zu Zimmer hechten, die Doppelschichten schieben, die zu Helden werden für unsere Mütter, Kinder, den Nachbarn, uns! Und das nicht erst seit Corona.

Eine, die ihre Stimme laut erhebt, ist Krankenpflegerin Nina Magdalena Böhmer (28) aus Berlin. Ohne Beschönigung prangert sie im Internet die Missstände an: von der schlechten Bezahlung, der jahrelangen Gleichgültigkeit der Minister bis hin zu fehlenden Schutzmaßnahmen für das Klinikpersonal in der Coronakrise. „Wir sind doch keine Superhelden und können uns genauso anstecken“, findet Nina deutliche Worte im Interview mit auf einen Blick.

Jüngste Entscheidungen von Gesundheitsminister Jens Spahn und Co., etwa die Personaluntergrenze in der Notlage anzupassen, hält sie für unzureichend. Und: Sie ist sich sicher, dass nach Corona alles wieder sein wird wie vorher. „In der Politik geht es nur ums Geld. Wir werden auch weiterhin kaputtgespart.“ Fachkräfte wie Pfleger und Schwestern verdienen als Einsteiger etwa 2000 bis 2400 Euro Brutto, mit vielen Jahren Berufserfahrung 3200 Euro brutto pro Monat, je nachdem für welche Klinik oder welches Heim sie tätig sind.

Nina träumt von einer Welt, in der wir alle aufstehen und uns gerade machen für die, die unser Leben retten. „Petitionen an den Bundestag zu unterzeichnen“ oder „öffentlich protestieren“: Das wünscht sich die junge Frau, denn ihr und den Kollegen selbst sind in Sachen Demos oft die Hände gebunden: „Eigentlich müssten wir so streiken, wie es die Fluggesellschaften tun. Aber wie sollen wir das machen, ohne die Patienten zu gefährden?“

Und die Patienten sind es, warum Nina Krankenschwester geworden ist: „Ich liebe den Bezug zu den Menschen und dass ich sie ein Stück in ihrem Schicksal begleiten kann.“ Doch schon mit Beginn der Ausbildung wurde sie mit den Missständen konfrontiert. Viele Kollegen haben sie damals sogar gefragt, ob sie sich bei der Jobwahl auch wirklich sicher sei. „Aber ich hatte mich in den Beruf verliebt.

Die Kollegen aus der Berliner Klinik sind es auch, die zu 100 Prozent hinter Nina und ihrer Mission stehen. Und bald hoffentlich viele weitere Menschen, die sie bei ihrem Kampf um eine Veränderung unseres Gesundheitssystems unterstützen.

NIna Böhmer Krankenschwester Bezahlung

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Seit 50 Jahren pflegt er seinen Sohn

Seine Vaterliebe verleiht ihm Flügel. Ganz ohne Hilfe kümmert sich Andreas Engert Tag und Nacht um Joachim

Noch nie wurde das Drehbuch unseres Lebens so schnell und gnadenlos für uns alle umgeschrieben wie in diesen schweren Wochen. Von einer Aufstiegsgeschichte zu einem scheinbar nicht enden wollenden Thriller. Bei Andreas Engert aus Dittelbrunn (Bayern) ist es schon lange komplett anders, als wir uns unsere Welt sonst oft zeichnen.

Mit seinen 92 Jahren wird nicht er von seinen Kindern umsorgt, der Rentner pflegt seinen behinderten Sohn. Eine erdrückende Last in diesem betagten Alter? Nein! Gerade das Gefühl, gebraucht zu werden, gibt Andreas Engert viel Kraft. „Es ist eine Herausforderung, die aber auch sehr viel Freude macht“, sagt er über seinen ganz besonderen Männer-Haushalt mit Joachim (60).

Vor 50 Jahren brachte Engerts zweite Frau Friedhilde den damals 10-Jährigen mit in die Ehe. Aufgrund von Sauerstoffmangel bei der Geburt ist er geistig behindert und auf dem Entwicklungsniveau eines Kindes geblieben. Mit 28 kam Diabetes dazu, mit 48 eine Herz-OP. Seitdem braucht Joachim rund um die Uhr Betreuung. Tagsüber ist er in der Regel in einer Behinderteneinrichtung, den Rest der Zeit umsorgt ihn der Vater – seit dem Tod seiner Frau vor 17 Jahren ganz allein.

Einkaufen, das Essen täglich frisch kochen, Ordnung halten, Joachim betreuen und medizinisch versorgen – der ehemalige Bauingenieur Andreas Engert hat alles im Griff. Viermal am Tag misst er Joachims Blutzuckerspiegel und gibt ihm auch die notwendigen Insulinspritzen. Die beiden Männer sind ein eingespieltes Team mit festen Ritualen: montags Sauna, freitags Schwimmbad, jeden Abend ein Spaziergang. Und wenn Joachim aus der Werkstatt nach Hause kommt, sitzen Vater und Sohn erst mal bei Kaffee mit Fleischsalatbrot zusammen. Manchmal unterhalten sie sich, manchmal nicht. Typisch Männer eben.

Vor allem Enkel Michel (20), der selbst ausgebildeter Pfleger ist, zieht seinen Hut vor der Leistung seines Großvaters. „Ich arbeite gerne, aber nach acht Stunden bin ich müde und froh, Feierabend zu haben. Opa macht das 24 Stunden. Das ist schon ziemlich stark“, sagt er. Obwohl Andreas Engert nach zwei OPs und wegen einer Thrombose selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, kommt ein Heim für ihn auf keinen Fall infrage. Während andere von den ganz großen Sachen träumen, hat er nur einen Traum: „Joachim bleibt bei mir, solange ich kann. Das habe ich meiner Frau versprochen!“