Hanan Albattah, Geschwister, Schulbetreuung

Für ihre Geschwister ist ihr kein Opfer zu groß (Endziffer -04)

Wie eine junge Frau trotz schwierigster Umstände für die Zukunft ihrer Geschwister kämpft

Mathe in der 7. Klasse, danach Sachkunde mit den Drittklässlern und anschließend mit allen auf den Spielplatz. Was nach einem typischen Tag einer Lehrerin klingt, war für Hanan Albattah (19) viele, schier endlose Monate lang Alltag. Mit dem Unterschied: Sie ist gar kein Profi und die Kinder sind ihre fünf Geschwister im Alter von vier bis 17 Jahren.

Geschlossene Schulen und Kitas während des Lockdowns wurden zur Zerreißprobe für die achtköpfige Familie, da die Eltern beide Vollzeit in der Lebensmittelbranche arbeiten und daheim kaum helfen konnten. Hanan, die Älteste, versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren. Gar nicht so einfach, wenn der Jüngste (Omar, 4) mit dem Tretroller durch die Wohnung rast und Nouri (10) und Hagar (11) dringend Hilfe bei den Hausaufgaben benötigen. Dazu kam Hanans eigene Ausbildung zur Sozialassistentin, die ebenfalls online lief. Chaos pur, jeden Tag! Aufgeben kam und kommt für Hanan aber nicht infrage, für sie sind all die Opfer selbstverständlich: „Ich bin so aufgewachsen: Einer für alle und alle für einen.“ Leichter gesagt als getan. Besonders, weil Hanan und ihre Familie erst vor fünf Jahren von Syrien nach Deutschland kamen. In Syrien besuchte sie nur die 2. Klasse. Angekommen in Deutschland wurde sie in die 10. Klasse gesteckt – ohne ein Wort Deutsch zu können. Ein schwerer Start für Hanan: „Ich habe jeden Tag geweint.“ Aber sie kämpfte, büffelte täglich Deutsch, schaffte ihren Abschluss und begann die Ausbildung.

Obwohl ihre Geschwister, die Lehrer und die Ausbildung täglich ihre Nerven strapazierten, hielt sie durch: „Ich denke nicht gerne nur an mich, sondern auch an alle anderen.“ Und das merkt man!

Hanan Albattah, Geschwister, Schulbetreuung

Bartek Zarebski, Feuerwehrmann, Flut. Ertrinken

Dieser 15-Jährige rettet Feuerwehrmann vor dem Ertrinken (Endziffer -14)

Bartek riskierte sein Leben – und würde es immer wieder tun!

Aufgerissene Straßen, zerbeulte Autos mit eingedrückten Fenstern und Möbelberge vor den zerstörten Häusern. Es sind Bilder, die uns beim Besuch in Altena im Märkischen Kreis fast den Atem nehmen. Obwohl die Aufräumarbeiten weiter in vollem Gange sind, sieht man auch fünf Wochen nach der Schock-Flut noch, wie stark die Stadt von ihr getroffen wurde. Mittendrin: Bartek Zarebski.

Der 15-Jährige hat am Tag, als seine Heimatstadt unter gnadenlosen Wassermassen begraben wurde, die größte Bewährungsprobe gemeistert, die vermutlich für ein ganzes Leben reicht. Der Schüler beobachtete gerade sprachlos, wie aus der beschaulichen Nettestraße ein reißender Fluss wurde, als er einen Feuerwehrmann entdeckte. Dieser war von der Strömung erfasst worden, kämpfte ums Überleben. Einige Anwohner bildeten eine Kette und bekamen den Mann fast zu fassen, doch die Strömung war zu stark. Da sprang Bartek kurzerhand ins Wasser, packte den Ertrinkenden beherzt an seinen Füßen, bevor dieser abgetrieben wäre. Gemeinsam mit den anderen hievte der Teenager den Geretteten aus der Gefahrenzone.

„Der Feuerwehrmann konnte nicht sprechen. Er hat nur kurz Kraft getankt und ist wieder zu seinem Kollegen hin, ins Wasser“, berichtet der Schüler. Wie sich später herausstellte, war es der Stiefvater des jungen Mannes, der dort trieb, und tragischerweise kam für ihn jede Hilfe zu spät. Er ertrank.

Der gerettete Feuerwehrmann bedankte sich trotz tiefster Trauer später noch bei Bartek: „Wir umarmten uns, er hat mir die Hand gegeben und geweint. Das war sehr traurig.“ Und obwohl er vermutlich selbst sein Leben riskierte, würde der Junge immer wieder so handeln.

Bartek Zarebski, Feuerwehrmann, Flut. Ertrinken

Manuela Grußie, Floristin, Syrien, Mayaz, Ausbildung

Diese Frau macht Lebensträume wahr (Endziffer -08)

Endlich! Mayaz darf bei uns bleiben

Dass die junge Frau aus Syrien endlich eine Zukunft hat, verdankt sie Manuela Grußie

Manuela Grußie (44) und Mayaz fallen sich in die Arme. Zwei Jahre voller Angst, Sorgen, Enttäuschungen und Rückschläge haben ein Ende. Manuela konnte nach ungezählten Stunden mit Telefonaten und Papierkram schließlich dank einer Petition an den bayerischen Landtag erwirken, dass Mayaz in Deutschland bleiben und in Manuelas Blumenbinderei in Furth eine Ausbildung zur Floristin machen darf.

„Ich bin so froh, ich verdanke Manuela alles!“, sagt Mayaz zu auf einen Blick. Die 17-Jährige weiß, die Ausbildung ist ihr Schritt in eine stabile Zukunft – nach vielen Jahren, in denen die junge Frau oft nicht wusste, wie es am nächsten Tag weitergeht. „Das hat mir immer die größte Angst gemacht hat“, sagt sie.

Und Mayaz weiß, was Angst bedeutet. Zwei Jahre erträgt sie in der syrischen Heimat den Krieg, bis die Familie 2013 flüchtet. Sie retten sich erst in den Libanon. Dann geht es 2018 über Spanien nach Bayern.

Mayaz und ihre Familie fühlen sich sofort wohl. „Ich mag die Menschen, die Sprache und die Landschaft“, sagt Mayaz. Nun darf sie mindestens drei Jahre bleiben, um ihre Ausbildung zu absolvieren. Doch uneingeschränkt ist die Freude leider nicht: Mayaz‘ Schwester, deren Mann und Tochter (3) dürfen nicht bleiben. Sobald Mayaz volljährig ist, müssen auch ihre Eltern und der kleine Bruder (10) zurück nach Spanien (laut Asylrecht das für sie zuständige Land) – obwohl auch die Männer Jobangebote haben und ihre Familien ernähren könnten. Aber so lange Manuela da ist, hat Mayaz noch Hoffnung. Denn die, das hat sie doppelt und dreifach bewiesen, gibt so schnell nicht auf!

Manuela Grußie, Floristin, Syrien, Mayaz, Ausbildung

Josefine Barbaric, Kindesmissbrauch, Prävention

Tapferer Kampf Kindesmissbrauch (Endziffer -12)

Josefine Barbaric (48) wurde als Kind schwer missbraucht – und hilft heute anderen Menschen in Not

Familie, Geborgenheit, Liebe – lange wusste Josefine Barbaric (48) aus Salach (Baden Württemberg) nicht, wie sich das anfühlt. Sie kam als Baby in ein Heim (ihre Mutter war überfordert), mit zweieinhalb in Pflegefamilien. Mit sechs begann dann ein Martyrium, das sie bis heute nicht loslässt, wie sie uns beim Besuch bei ihr erzählt: „Ich kam zu einer Pflegemutter, die mich immer wieder an Bekannte weiterreichte. Unterhose ausziehen, Zungenküsse, anfassen – das war normal.“ Für ihr erstes Mal mit 13 bekam die Pflegemutter Geld. „Da begann dann der schwere Missbrauch“, erzählt die gebürtige Frankfurterin. Er endete in der Zwangsprostitution – mit 17. Befreien konnte sie sich nur, weil ein mitleidiger Freier ihr 30 000 Mark schenkte.

Und heute? Ist sie Mutter zweier Söhne (8 und 23), hat einen Lebenspartner (44) und eine Mission: Kinderschutz! Sie arbeitet als Lehrkraft und Dozentin für Gewaltprävention, hat 2017 den gemeinnützigen Verein „Nein, lass das!“ gegründet. „Wir unterstützen Städte und Gemeinden bei der Planung von Präventionsveranstaltungen, denn Aufklärung schützt!“ Josefine hat Checklisten für Polizisten erarbeitet, coacht Eltern, Lehrer, Schulsozialarbeiter, Kita-Betreuer – damit Missbrauch frühzeitig erkannt und so Kinder gerettet werden können. Ihre Botschaft: „Betroffene Kinder sind auf mutige, couragierte Erwachsene angewiesen, weil sie die Gewalt von selbst nicht beenden können. Jede Bezugsperson, die aufgeklärt ist, ist ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.“ Josefine hat auch schon vielen Kindern und Jugendlichen helfen können, die sie über soziale Medien anschreiben. Sie selbst hat solche Zuwendung nie erlebt. Das möchte sie mit aller Kraft ändern: „Kinderschutz ist eine Haltung. Bereitschaft ist eine Haltung. Schaut hin, hört hin!“

Josefine Barbaric; Kindesmissbrauch; Prävention

Dass Fiona lächeln kann, verdankt sie Mamas Kollegen (Endziffer -03)

Als ihr Kind an Leukämie erkrankte, wurden Mutter Daniela (38) Urlaubstage für viereinhalb Jahre gespendet

Wenn das eigene Kind schwer krank ist, dann bricht für Eltern eine Welt zusammen – wie ein Spiegel in Tausende von Einzelteilen, die sich scheinbar nie wieder kitten lassen. So ging es auch Daniela (38) und David Berlit (41), als ihre Tochter Fiona an Leukämie erkrankte. Doch die Familie aus dem bayerischen Egling wurde in tiefster Not aufgefangen – von 430 Arbeitskollegen.

Im November letzten Jahres bekam die heute Vierjährige die schlimme Diagnose und Daniela, die jede Sekunde an der Seite ihrer Tochter sein wollte, kratzte ihren Resturlaub zusammen – der schnell aufgebraucht war. Arbeiten zu gehen und Fiona zeitweise allein zu lassen, das schien ihr undenkbar. Ihr Mann war jedoch als Lkw-Fahrer ständig auf Achse. Und ohne das Gehalt als Verkäuferin beim Dänischen Bettenlager würde es auch nicht gehen.

Während die zweifache Mutter verzweifelte, schmiedete ihre Kollegin und Freundin Claudia Seeltentag bereits mit den anderen Mitarbeitern einen Plan. Sie sagt zu auf einen Blick: „Der Schock saß auch bei uns tief. Nachdem wir uns wieder einigermaßen gefangen hatten, war sofort klar: Wir wollen helfen!“ Sie starten einen Aufruf bei allen Mitarbeitern der Einrichtungskette. Und die Resonanz ist gewaltig. 430 Mitarbeiter spenden Urlaubstage und Überstunden. Insgesamt kommen vier Jahre und sechs Monate zusammen. Daniela Berlit: „Ich saß im Krankenhaus, als ich es erfuhr und habe vor Freude geweint.“

Die kleine Fiona nutzt die Kraft, die ihre Mama ihr täglich geben konnte. Seit einigen Wochen ist das tapfere Mädchen krebsfrei. Die Chancen stehen gut, dass sie bald wieder ganz gesund wird. Daniela Berlit will dann wieder arbeiten gehen. Ihren Resturlaub von mehr als drei Jahren gibt sie zurück, damit andere Kollegen ihn nutzen können, sollten sie in eine ähnliche Situation kommen wie sie.

Erst rette ich meinen Sohn – und dann alle Klinikkinder! (Endziffer -16)

Daniel brauchte dringend ein Spenderherz. Mama Diana kämpfte erst für ihn – und jetzt für alle, die auch ein Organ brauchen

Nie wird Diana Dietrich den 23. Oktober 2018 vergessen: den Tag, an dem ihre Welt zerbrach und der sie zu einer Heldin machte – für Söhnchen Daniel und für viele andere, die auf ein Spenderorgan hoffen.

Um fünf Uhr morgens entdeckten die 38-Jährige und ihr Freund Christian (37), dass Daniel, damals zehn Monate, weiß wie die Wand war, während er tapfer die besorgten Eltern anlächelte. „Wir sind sofort ins Krankenhaus gefahren“, erzählt Diana Fernsehwoche. Nach dem Ultraschall sagte der Arzt das Unfassbare: „Ihr Sohn ist todkrank“. Ein Rettungshubschrauber flog Daniel und Diana zu Spezialisten nach München.

Die LMU Klinik, Standort Großhadern, oder besser: ein Zimmer auf der Kinderkardiologie und Pädiatrischen Intensivmedizin, war seitdem Daniels Zuhause. Rund zweieinhalb Jahre lang. Es ist fast das ganze Leben des Dreijährigen. Er überlebte dort Tag für Tag dank eines Kunstherzens, und weil die Ärzte bei Notfällen immer wieder das Richtige getan haben. Diana und Daniel ertrugen gemeinsam den unwirklichen Alltag. Sie wussten: Nach Hause dürfen sie erst, wenn Daniel ein Spenderherz hat. Diana fand auch Zeit für eine wichtige Mission: über Organspende aufklären. Menschen motivieren, sich damit auseinanderzusetzen, und Ängste zu nehmen. Mit ihren Beiträgen im Internet (u.a. bei Instagram, Herzbubedaniel) erreicht sie fast 100 000 Menschen und hat wohl schon so machen Patienten auf der Warteliste das Leben gerettet, weil ihre Beiträge bewegen. Etwa mit Fakten: Dass täglich drei Menschen in Deutschland auf der Warteliste sterben. Oder mit rührenden Berichten aus Daniels Klinikalltag. Einem Leben ohne Spielplatz, ohne Ausflug in den Zoo.

Bis zum 25. Juni 2021 – als es für Daniel endlich ein Spenderherz gibt. Auch diesen Tag wird Diana niemals vergessen: Den Tag, der ihre Welt heilte – dank einer Familie, die in tiefster Trauer eine selbstlose Entschiedung traf und für sie zu Helden wurde. Diana sagt: „Nicht nur heute, sondern bis zu meinem letzten Atemzug, werde ich der Spenderfamilie dankbar sein. Dankbar, dass sie in ihrer dunkelsten Stunde unserem Daniel eine zweite Chance geschenkt haben.“

Bevor ich gehen muss, will ich die Welt besser machen (Endziffer -09)

Antonia (20) ist unheilbar krank. Ihre wenige verbleibende Zeit nutzt die junge Frau, um sich für Schwächere einzusetzen

Als Antonia Ringborg mit erst zwölf Jahren erfuhr, dass sie einen Hirntumor hat, dachte die Kasselerin nicht: „Das ist unfair!“ oder bemitleidete sich selbst. Nein, sie dachte etwas ganz anderes: Wie gut es ihr doch geht, weil sich so viele Mediziner um sie kümmern. Und sie fand es ungerecht, dass Menschen in ärmeren Ländern eine solche Versorgung nicht bekommen. „Da habe ich beschlossen, mich für andere einzusetzen“, sagt Antonia zu auf einen Blick.

Es würde ausreichen, diese Geschichte über sie zu erzählen, um zu zeigen, dass sie eine wahrhaftige Heldin ist. Doch das würde der todkranken jungen Frau nicht gerecht werden. Seit sieben Jahren engagiert sich die heute 20-Jährige, die bei ihrer ersten Hirn-OP einen schweren Schlaganfall erlitten hat, als Aktivistin bei Greenpeace. Seit Februar setzt sie sich zudem für Geflüchtete ein. Das war ihre Reaktion auf die Nachricht, dass sie nur noch ein Jahr zu leben habe. „Ich habe keine Lust, zu sterben, ohne einen Unterschied gemacht zu haben“, so Antonia. Mit ihrem Verein „Antonia Ringborg Spendengemeinschaft“ hat sie bereits 60 000 Euro für die UNO-Flüchtlingshilfe gesammelt. Ihre verbleibende Zeit will sie nun auch nutzen, um Spenden für die Covid-Hilfe in Indien zu generieren.

Das Einzige, was Antonia beunruhigt, ist, dass ihr vielleicht nicht mehr genug Zeit bleibt. Angst vor dem Tod selbst hat sie nämlich nicht. „Mir hat ein Zitat aus Harry Potter geholfen“, sagt sie. „Es lautet: Das Einzige, was wir an der Dunkelheit und dem Tod fürchten, ist das Ungewisse.“ Antonia, die früher Angst im Dunklen hatte, hat dann das Licht ausgemacht. Als Test. „Ich stellte fest, es passiert: nichts. Wenn der Tod genauso ist, muss ich ihn auch nicht fürchten.“

Ohne diesen 12-Jährigen würde Hilda nicht mehr leben (Endziffer -06)

Als die 71-Jährige unterzugehen drohte und verzweifelt um Hilfe rief, zögerte Colin (12) keine Sekunde lang

Manche Ereignisse sind so einschneidend, dass Menschen durch sie für den Rest ihres Lebens miteinander verbunden sind. Hilda Kiesau (71) aus Hamburg hat dieses Gefühl, wenn sie an Colin Schubert (12) aus Enger (Nordrhein-Westfalen) denkt: Der Schüler war im Juli 2020 ihr Retter in höchster Not.

Rückblende. Wie jedes Jahr verbringen Colin und sein Vater Karsten (54) auch dieses Jahr ihren Urlaub in Dahme an der Ostsee. Als Colin am Donnerstag, 22. Juli, schwimmen geht, ist es bedeckt, eher kühl, das Meer unruhig. Auch Hilda ist im Wasser. Es reicht ihr bis zum Bauchnabel, sie fühlt sich sicher. Doch dann plötzlich bekommt sie die Füße nicht mehr auf den Boden. „Ich wurde runtergezogen und bekam Panik“, erinnert sie sich. Eine gefährliche Unterströmung hat sie erfasst! Immer wieder schluckt sie Wasser. Dann, nur rund 20 Meter entfernt, sieht sie einen Jungen und ruft so laut sie kann: „Hilf mir, bitte!‘“ Colin, ein sicherer Schwimmer mit Gold-Abzeichen, erfasst die Situation sofort. „Ich schwamm zu ihr und hielt ihren Kopf über Wasser, damit sie noch Luft bekam“, erzählt er.

Obwohl er gut schwimmen kann und sie nahe am Ufer sind, ist die Rettung kein Spaziergang. „Ich konnte gerade so noch auf meinen Füßen stehen.“ Er mobilisiert all seine Kraft, hält Hilda so fest es geht. Und das kleine Wunder gelingt: Er schafft es mit ihr ans rettende Ufer.

Beide sind völlig fertig, müssen erst mal tief durchatmen. Hilda: „Colin ging es auch nicht gut. Er hat furchtbar gezittert.“ Ende gut, alles gut – und wie! Zweimal schon haben sie sich seither wiedergesehen. „Einmal war ich mit meinem Vater in den Herbstferien in Hamburg, dann über Sylvester. „So ein Erlebnis verbindet“, sagt Hilda, die ihr Glück immer noch nicht fassen kann. Vielleicht treffen sie sich diesen Sommer ja in Dahme wieder – für beide ein denkwürdiger, ein unvergesslicher Ort.

Erika turnt sich und andere jung (Endziffer -13)

Mit ihren weltweit gefeierten Fitness-Videos motiviert die 81-Jährige zu einem aktiveren Leben

Lächelnd im Schwebesitz posieren oder mit einer 50-Kilo-Last auf dem Rücken im Unterarmstütz ausharren? Kein Problem für die 81-Jährige Erika Rischko. Bei ihrer Fitness sieht sogar manch Mittzwanziger alt aus. Kein Wunder, dass die Sportskanone als Mutmacherin dieser Tage gilt und in den sozialen Medien weltweit als Star gefeiert wird. Mit ihren Videos animiert sie Jung und Alt zu mehr Bewegung und zeigt, dass man als Ruheständler nicht zum alten Eisen zählen muss. Allein auf der Jugend-Plattform TikTok, wo ihr bester Beitrag über neun Millionen Klicks generierte und Ehemann Dieter (81) sie auch gern mal zum Tänzchen bittet, hat sie über 230 000 Follower (Link zu Erikas Profil). „TikTok ist einfach lustig“, sagt sie. Als Trendsetterin will Erika sich aber nicht verstanden wissen, eher als Fitness-Junkie. Schließlich, gesteht sie lachend, sei es ja auch ein bisschen Sucht.

Kaum schloss im Lockdown das Sportstudio, in dem sie 15 Stunden pro Woche trainierte, wurde die Rheinländerin erfinderisch. Tochter Silke (51) war es dann, die sie beim heimischen Training filmte. Sie stellte die Videos ins Netz und schon nahm alles seinen Lauf. Was Erika antreibt, ist die positive Resonanz. „Könnt ihr nicht meine Großeltern sein?“, fragte beispielsweise ein Fan. „Da geht mir das Herz auf“, sagt die alte Dame gerührt. Auch der Sport selbst ist ein Herzensthema für sie, die ihr Leben mit künstlichen Knien und einer versteiften Lendenwirbelsäule meistert. „Bewegung ist so wichtig, erst recht im Alter.“ Genuss und Spaß bleiben aber nie auf der Strecke. So kann es bei Erika auch mal ein Stück Buttercremetorte sein. Und das dürfte sie sich ja ratzfatz wieder abtrainieren.

Jana verwandelt Einsamkeit in Lebensfreude (Endziffer -01)

Traurigkeit und Leere. Ein Gefühl, als wäre ich nicht vollständig.“ So beschreibt Jana Zeh (21) im Gespräch mit auf einen Blick, was Einsamkeit für sie selbst bedeutet. Die junge Frau weiß, dass sie mit diesen komplexen Gefühlen nicht allein ist und gründet deshalb kurz entschlossen eine ganz besondere Selbsthilfegruppe.

Jana war 17 Jahre alt, gerade dabei, Abitur zu machen, als ihr die Idee kam. Sie selbst hatte schon mit mehreren psychologischen Problemen zu kämpfen und fühlte sich damit in ihrer ländlichen Heimat aufgeschmissen. „Man redet hier über so was nicht. Unterstützung gibt es, wenn überhaupt, erst in der nächsten großen Stadt“, sagt sie über die Chiemsee-Region.

Also beschließt sie, zunächst anonym, einen Aufruf auf Facebook für eine Gesprächsgruppe zu starten. Die Resonanz ist groß und das Projekt „Ich bin nicht allein“ war geboren. „Wir sind ein kunterbunter Haufen“, sagt Jana über die ca. 25 Teilnehmer. Von 16 bis 80 ist jedes Alter dabei. Manche haben psychische Probleme, andere körperliche Krankheiten oder machen gerade eine Krise durch. Was sie aber alle gemeinsam haben: Sie fühlen sich einsam. „Bei uns sind alle willkommen. Unsere Gruppe ist nicht nur für eine ganz bestimmte Art von Betroffenen“, erklärt Jana ihr Konzept. In den Gesprächsrunden geht es sehr familiär und locker zu. Jeder bekommt Zeit, sich mitzuteilen. Dafür werden kleinere Gesprächsgruppen gebildet, es wird gespielt und auch mal gesungen. „Mir geht es bei den Treffen auch darum, Freude zu vermitteln.“

Ein Konzept, das aufgeht. Manch ein Teilnehmer nimmt mehrere Stunden Autofahrt für die zweiwöchentlichen Sitzungen auf sich. Ein Zeichen dafür, wie sehr Angebote wie dieses in Deutschland gebraucht werden. „Ich bin gerade in Kontakt mit jemandem in NRW, der dort genauso eine Gruppe gründen will“, sagt die Studentin der Gesundheitswissenschaften. „Vielleicht kann die Idee bald Leuten im ganzen Land das Leben etwas erleichtern.“ Als Heldin sieht sie sich aber nicht. „Das Projekt hilft mir schließlich auch selbst und erfüllt mich sehr. Ich freue mich einfach, wenn ich anderen damit helfen kann.“

Für ihre Enkelin wird Christa zur Super- Heldin (Endziffer -11)

Die kleine Johanna verlor ihre Mutter und ihr Zuhause, doch dank ihrer großartigen Oma nicht ihren Mut!

Es ist nicht der berühmte Lottogewinn, auch nicht die Weltreise. Wenn Christa Ocepek (69) von der Zukunft träumt, wünscht sich die Rentnerin nur eines: endlich Beständigkeit und ein Leben, in dem sie für Enkelin Johanna (7) da sein darf.

In den letzten vier Jahren musste die Hamburgerin ihre Mutter, ihren Mann sowie ihre erst 37-jährige Tochter Angela zu Grabe tragen. Doch Zeit zu trauern, hat Christa nicht. Sie nimmt ihre Enkelin zu sich (zum Vater besteht erst seit Kurzem wieder Kontakt), erzieht sie, trocknet Tränen, schenkt Mut. Und überwindet endlos hohe Hürden, was uns im vergangenen Jahr so beeindruckt hat, dass sie auch 2021 die Chance bekommen soll, „Heldin des Alltags“ zu werden.

Im März 2020 brannte das Haus der Rentnerin lichterloh. Die Flammen, verursacht durch einen Feuerteufel, und das eingesetzte Löschwasser nahmen Christa und Johanna das Zuhause, in dem die Familie seit Jahrzehnten gelebt hatte. Gerade als die Pandemie plötzlich alles auf den Kopf stellte, wurde das tapfere Duo heimatlos und musste erstmal in eine Wohnung ziehen, die sie nur für wenige Monate mieten durften. Kurz darauf startete Johanna in die Vorschule, und Oma Christa wurde zur Lehrerin und Internetexpertin, um beim Homeschooling zu helfen. Nebenbei saß die Rentnerin an der Wohnungssuche, die in einer Stadt wie Hamburg eine echte Herausforderung ist. Bezahlbarer Wohnraum ist dort Mangelware. „Ich wollte Johanna aber nicht noch von ihren Freunden trennen und habe deswegen nur in der Umgebung gesucht“, erzählt Christa und sie schafft das fast Unmögliche: Oma und Enkelin können nach der teuren Renovierung zurück in ihr altes Zuhause, weil Christa die Vermieterin überzeugen kann. Das liegt daran, dass Aufgeben für Christa nie infrage kam. Löwinnen geben eben nicht auf!

Ich habe meinen Lebensretter geheiratet (Endziffer -19)

Für Menschen, die eine Knochenmarkspende brauchen, ist der passende Spender ein Geschenk des Himmels. Für Selina Läufer (33) aber wurde er gleich zum doppelten Himmels-Geschenk …

Sie war 19, als sie die Schockdiagnose erhielt: Blutkrebs. Nur eine Knochenmarkspende konnte sie heilen. „Ich traute mich kaum, es zu glauben, als ein Spender gefunden wurde“, erzählt sie im Gespräch mit auf einen Blick. Es war Hans-Uwe Läufer (55), der sich bereits in den 90ern bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) hatte registrieren lassen. „Wenn durch so etwas ein Leben gerettet werden kann, ist das doch selbstverständlich.“

Zwei Jahre müssen vergehen, ehe Patient und Spender Daten austauschen und sich kennenlernen können. Für Selina war sofort klar, dass sie ihren Lebensretter kennenlernen wollte. Er jedoch wollte zunächst keinen Kontakt. „Erst ein Jahr, nachdem ich ihm einen Brief geschrieben hatte, meldete er sich auf Facebook“, erzählt Selina: „Ich glaube, ich bin dein Spender“. Ein kurzer Satz, der alles verändern sollte. Denn nicht nur genetisch passten die schwäbische Verwaltungsangestellte und der 23 Jahre ältere Badener Zollbeamte perfekt zueinander. Schon bald telefonierten sie fast täglich. „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden“, sagt Selina. „Bei einem BossHoss-Konzert in Stuttgart haben wir uns zum ersten Mal getroffen“, so Hans-Uwe. Und was sich am Telefon wie Freundschaft angefühlt hatte, wurde bald mehr.

Anfangs gab es jedoch auch Zweifel. Selina: „Unser Altersunterschied ist schon groß. Und eigentlich wollte Uwe nach schlechten Erfahrungen keine Beziehung mehr.“ Doch das konnte sie nicht trennen: Seit sieben Jahren sind sie ein Paar und seit einem Jahr glücklich verheiratet. Um sich bei Hans-Uwe zu bedanken, ließ Selina ihm in der ZDF-Show „Mein Lied für dich“ Anfang des Jahres von Sarah Connor ein Ständchen bringen: „Ich hätte kein schöneres Geschenk bekommen können, als einen Ehemann und Stammzellspender zugleich!“

DKMS Knochenmarkspende Hochzeit Liebe

Wie viel Leid kann eine Mutter ertragen? (Endziffer -18)

Stefanie Ewald hat Mann und Sohn verloren, jetzt kämpft sie um ihre Tochter – mit tollen Freunden an ihrer Seite

Es ist nach wie vor ein niemals endender Albtraum“, versucht Stefanie Ewald (36) das Unfassbare in Worte zu fassen, als wir die dreifache Mutter und Witwe fragen, wie es ihr geht. Nachdem Ende 2019 ihr zehnjähriger Sohn Jonas seinen Kampf gegen eine Krebserkrankung verlor, starb im März 2020 auch ihr Mann Sebastian (37) an Lungenkrebs. Schuld ist der seltene Gen-Defekt Li-Fraumeni-Syndrom, der die Entstehung von Krebserkrankungen begünstigt, auch Neele trägt es in sich. Als wäre das nicht genug, schlägt das Schicksal weiter zu. Bei Stefanie selbst wurde Brustkrebs festgestellt, auch Tochter Neele erkrankte wieder an Krebs. Nur die jüngste Tochter Lenja ist gesund und hat den Gendefekt ihres Vaters nicht geerbt.

Doch das ist nicht alles: Bei Neele wurde noch eine schwere Erkrankung festgestellt: Knochenkrebs – zusätzlich zu dem immer noch existierenden Hirntumor, der zu allem Überfluss auch noch gewachsen ist. Diese schockierenden Nachrichten der Ärzte halten die kleine Kämpferin jedoch nicht davon ab, die Chemo ohne Murren über sich ergehen zu lassen. Auch auf ihren Haarverlust reagiert die Achtjährige unglaublich tapfer: „Mama, wenn ich dafür länger leben kann, möchte ich meine Haare nicht mehr haben!“ Starke Sätze wie diese geben Stefanie selbst in dunkelsten Stunden Halt und Zuversicht: „Ich bin so unendlich stolz auf Neele. Trotz allem verliert sie ihr Strahlen nicht!“

So offen mit ihrem Schicksal umzugehen, hilft den Ewalds – und auch vier enge Freundinnen von Stefanie unterstützen die junge Witwe und Mutter mit dem Herzen einer Löwin, wo sie nur können. Sie haben sogar extra ein Spendenkonto eingerichtet (www.gofundme.com/f/FamilieEwald) – damit die Familie nicht noch um die Existenz kämpfen muss. Stefanie versucht, jeden Tag stark zu bleiben, ist sich jedoch bewusst: „Wieder einmal hilft nur ein Wunder, auf das wir alle so sehr hoffen.“

Der mutige Kampf einer misshandelten Ehefrau (Endziffer -17)

Gloria Morena (35) wurde von ihrem Ex-Mann geschlagen. Heute hilft sie anderen Opfern

Ein Mann, der seine Frau beleidigt, sie erniedrigt und schlägt, der hat nie Recht. Niemals! Ganz im Gegenteil. Er ist an Armseligkeit nicht zu unterbieten!“ Wenn es um häusliche Gewalt geht, nimmt Gloria Morena kein Blatt vor den Mund.

Die zweifache Mutter aus Speyer hat es sich zur Mission gemacht, betroffenen Frauen zu helfen, aus der Beziehungshölle auszubrechen. In ihrem Podcast „mehrWERT Frau“, einer Vortragsreihe im Internet, gibt sie u.a. rechtliche und praktische Tipps für die Flucht in ein Leben ohne Gewalt und eine Spirale aus Angst. Auch an Schulen hält Gloria Vorträge. „Ich will nicht nur akut helfen, ich will das Thema auch in die Öffentlichkeit bringen“, sagt Gloria zu auf einen Blick.

Tatsächlich wird in Deutschland jede Stunde eine Frau Opfer von Gewalt. Doch die meisten von ihnen schweigen über ihr Martyrium – aus Scham, aus blanker Furcht. Gloria will ihnen eine Stimme geben, ihnen Mut machen.

Denn die 34-Jährige weiß zu genau, wovon sie spricht. Ihr Ex-Mann hat sie regelmäßig verprügelt. Immer wieder fand er einen vermeintlichen Grund und rastete aus: die falsche Kleidung, ein angeblicher Blickkontakt mit einem anderen Mann. Er schlug dann so stark zu, dass Glorias Gesicht völlig zugequollen war oder dass sie anschließend gewaltige Hämatome hatte. „Er hat mich sogar einmal in den Rücken getreten, so dass ich die letzten Stufen der Treppe hinunterfiel. Da war ich im siebten Monat schwanger“, erzählt Gloria.

Als er kurz nach der Geburt versuchte, Gloria den gemeinsamen Sohn (heute 16) zu entreißen, nahm die junge Frau allen Mut zusammen und rief die Polizei. „Mein Kind hat mir die Kraft gegeben,“ sagt sie heute.

Ein Jahr verbringen Mutter und Sohn im Frauenhaus – zum Schutz. Und auch danach dauerte es noch Jahre, bis ihr Ex-Mann aufhörte, sie zu bedrohen. Doch ihr Mut, sich und ihren Sohn zu retten, hat sich gelohnt. Und damit ist Gloria nicht nur die beste Ratgeberin für geschlagenen Frauen, sie ist auch das beste Vorbild.

Marie Dennemärker Corona Tod Vater

Nach Corona-Tod des Vaters kämpft Marie für ihre Geschwister (Endziffer -02)

Das Coronavirus nahm Familie Dennemärker den Vater, ihren Fels in der Brandung. Doch Tochter Marie kämpft für einen Neuanfang und mehr Rücksichtnahme

Papa muss getestet werden.“ Als Marie bei der Arbeit diese Nachricht ihrer Mutter liest, ahnt die 20-Jährige nicht, das dieser eine Satz ihr Leben wie ein Kartenhaus zusammenfallen lassen wird. Sie und ihre Familie hatten ein normales Leben geführt, zusammengehalten, auch wenn es mal schwer war. „Dann bekam mein Vater Halsschmerzen und Husten.“

Als klar wurde, dass Robert Dennemärker keine Erkältung, sondern das Coronavirus erwischt hatte, begann ein Kampf gegen einen übermächtigen Gegner. Nach fünf Wochen im Krankenhaus starb der Familienvater am 26. April.

So sehr Marie selbst unter dem Verlust leidet, so sehr bewegen sie vor allem die seelischen Qualen der anderen. „Meine kleinen Geschwister Lisa (14) und Finn (11) werden ohne ihren Vater aufwachsen. Meine Mutter verliert ihren geliebten Mann und auch finanziell wissen wir momentan nicht, wie es mit uns weitergehen wird, denn mein Vater war der Hauptverdiener.“ Marie will kämpfen, für ihre Familie, für Papa, der für sie Freund wie Held war, der sechs Tage die Woche 14–16 Stunden schuftete, um die Familie zu ernähren. Marie tröstet ihre Geschwister, hilft bei der Versorgung und arbeitet neben ihrer Ausbildung zur Erzieherin als Aushilfe im Supermarkt. Für die Familienkasse. Unterstützt wird sie von der großen Schwester Franziska (22), die ins Elternhaus zurückgezogen ist.

Außerdem hat es sich Marie zur Aufgabe gemacht, die Menschen aufzurütteln. Sie träumt von einer Welt, in der Rücksicht keine hohle Phrase ist. Ihre Geschichte soll „ein Appell an diejenigen sein, die die zerstörerische Kraft des Virus immer noch verharmlosen.“ Bei Facebook und in einem Internet-Tagebuch schildert sie daher schonungslos die Leidensgeschichte ihres Papas. „Denn ein Schicksal wie das meiner Familie und meines Vaters wünsche ich niemandem!“

Marie Dennemärker Corona Vater Tod Familie

Rolf Reisten Zivilcourage Helden des Alltags

Zivilcourage ist seine Lebenseinstellung! (Endziffer -05)

MUTIG! Dieser 83-Jährige stoppt Gewalttäter

Zivilcourage ist für diesen Mann kein Wort, sondern Lebensphilosophie. Auch wenn er dafür viel riskierte

Es ist dieser eine Tag, dieser eine kurze Moment, der ein Leben in ein „Vorher“ und „Nachher“ trennt. In dem aus einer gewöhnlichen Alltagssituation plötzlich die große Frage wird: Sehe ich weg oder zeige ich Zivilcourage? Bei Rolf Reisten (83) war es so ein Februartag wie immer. Er und seine Frau Karin (83) wollten spazieren gehen, um sich an den Krokusblüten zu erfreuen.

Doch mitten im Aschaffenburger Schöntalpark werden die beiden Zeugen, wie ein junger Mann lautstark mit seiner Freundin streitet. Als der Mann beginnt, seine Begleiterin zu schlagen, kann Rolf Reisten nicht länger untätig bleiben. „Da habe ich zu meiner Frau gesagt: ‚Da muss ich eingreifen‘“, erinnert er sich. Festen Schrittes geht der Bayer auf den Gewalttäter zu, versucht erst, mit Worten zu schlichten, will den jungen Mann dann von der Frau wegziehen. Doch der lässt sich nicht beruhigen, das Gemenge wird zum „richtigen Kampf“, wie Reisten schildert. Dabei bekommt der Rentner schließlich einen harten Schlag ins Gesicht ab und fällt zu Boden. „An die nächsten Minuten erinnere ich mich nicht.“

Er kommt erst wieder zu sich, als seine Frau und ein Passant ihm auf eine Parkbank helfen. „Der Passant hat auch den Notruf gewählt. Er war der Einzige, der geholfen hat“, erzählt Karin Reisten. Dass alle anderen wegsahen bei dem Kampf, das macht Rolf Reisten bis heute fassungslos. „Ich wünsche mir eine Welt, in der Menschen wieder mehr Zivilcourage zeigen.“ Natürlich mit Rücksicht auf die eigene Gesundheit.

Denn Rolf Reisten brachte seine Heldentat ins Krankenhaus. Diagnose: Schädelprellung mit einem Hämatom an der Schläfe. „Alles war grün und blau. Eine Woche lang schmerzte jeder Bissen.“ Was noch mehr schmerzte: Der Angreifer floh, konnte bis heute nicht gefasst werden. Dennoch: Rolf Reisten würde immer wieder eingreifen. Und auch wenn er von der fremden Frau nie ein Dankeschön gehört hat, für seine vier Enkeltöchter ist Opa ein wahrer Held!

Rolf Reisten Zivilcourage Helden des Alltags

Sandra Kocer Autounfall

Meine Mission? Endlich mehr Sicherheit im Straßenverkehr! (Endziffer -07)

Sandra und ihre Schwester überlebten knapp einen Unfall. Jetzt macht sie sich stark, damit Raser endlich aufwachen

An die Sekunde, in der Sandra und ihre Schwester Tanja von einem Auto aus ihrem glücklichen Leben geschleudert wurden, kann sich die 27-Jährige nicht erinnern. Aber sie kann detailliert erzählen, was sich am 18. September 2015 ereignete und wie sie beide nach dem unverschuldeten Unfall um eine Zukunft kämpfen. Und sie erzählt es – gestärkt vom Rückhalt ihrer Familie – immer wieder, bis es jeder hört!

Um Fahrschüler zu warnen, ihnen zu zeigen, was passieren kann, wenn man sich leichtfertig hinter das Steuer setzt, spricht Sandra in der BG Klinik Ludwigshafen regelmäßig vor den Jugendlichen. „Das ist nicht einfach“, sagt sie zu auf einen Blick. Aber Sandra hat sich die Aufgabe bewusst ausgesucht. „Ich habe den Traum, dass irgendwann alle Autofahrer verantwortungsbewusst handeln“, sagt sie.

Die gelernte Krankenpflegerin spricht damit die Raser, die Betrunkenen, die Drogenkonsumenten an. Menschen wie der Mann, der Sandras und Tanjas Leben für immer verändert hat. Sandra: „Im Blut unseres Unfallgegners wurde unter anderem Alkohol und Heroin nachgewiesen.“

Er war an diesem Tag zugedröhnt und mitten im Berufsverkehr mit seinem Wagen auf die Gegenfahrbahn gekommen. Tanja, die am Steuer saß, hatte keine Chance mehr, auszuweichen. Knochenbrüche, innere Verletzungen und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma bei Tanja machten die Frauen zu in Lebensgefahr schwebenden Patienten. „Wir hatten beide viel, viel Glück, dass wir überhaupt überlebt haben“, sagt Sandra. Doch bis heute leiden sie unter den Folgen. Sandra hat permanent Schmerzen, kann ihren alten Beruf nicht mehr ausüben. 20 Mal wurde sie in den vergangenen Jahren operiert. Tanja sitzt im Rollstuhl. Manchmal begleitet sie ihre Schwester zu den Präventionskursen. Und der Einsatz der beiden Frauen verfehlt seine Wirkung nicht. „Jeder, den wir erreichen, ist ein Etappenziel auf unserem Weg.“

Sandra Kocer Autounfall

Für Kinder in Not wird er zum Superhelden (Endziffer -10)

Wünschen wir uns jetzt nicht alle einen Super-Helden? Michel (42) macht es vor, im Einsatz für die Kleinsten unserer Gesellschaft

Von wegen Super-Helden gibt’s nur im Film oder Comic: Kostüm an – und schwups, aus dem Schweizer Michel Fornasier (42) wird der einhändige „Bionicman“, der sich wie jeder Super-Held für Schwächere starkmacht. In seinem Fall sind es Kinder mit fehlender Hand, fehlendem Bein – Kinder, die im Rollstuhl sitzen und deshalb viel Zuspruch und Selbstvertrauen brauchen.

Einst gehörte er selbst dazu: Michel wurde ohne rechte Hand geboren. „Ich hatte immer Angst, wegen meines Handicaps abgelehnt zu werden“, sagt er im Gespräch mit auf einen Blick. Lange versuchte er, seine Behinderung zu verstecken: „35 Jahre lang habe ich die Jacke über den Armstumpf gezogen oder ihn in der Hose untergebracht.“ Dann bekam er eine bionische Handprothese (mit Motoren) und beschloss: Schluss mit dem Versteckspiel! Und siehe da: Plötzlich kam viel positiver Zuspruch.

Als ihn dann auch noch ständig Kinder auf seine silberne „Zauberhand“ ansprachen, fragten, ob er Superkräfte hätte, beschloss er, wirklich zum Super-Helden zu werden, und erfand „Bionicman“. So verkleidet, macht er seitdem in Schulen und Kliniken im gesamten deutschsprachigen Raum Kindern mit und ohne Handicap Mut: „Ich möchte zeigen, dass man Schwächen in Stärken verwandeln kann.“

Immer wieder hat er berührende Begegnungen, die ihn motivieren, weiterzumachen: „Ein Vater aus Deutschland hat mir erzählt, dass sein 12-jähriger Sohn, der keine linke Hand hat, in der Schule von zwei älteren Jungen wegen seiner Behinderung gemobbt wurde. Der Junge stellte sich dann ganz tapfer vor sie und sagte: ,Ja, ich habe nur eine Hand. Aber der ‚Bionicman‘ hat auch nur eine Hand!‘“

Kindern Mut machen, zu ihren Schwächen zu stehen, Berührungsängste abbauen, die Welt gleicher machen – das ist Michels Mission: „Ich wünsche mir eine Welt, in der alle gleich besonders sind.“ Er hat mit einem befreundeten Zeichner auch schon zwei Comics herausgebracht, der dritte erscheint Ende des Jahres. Und dann gibt es da noch seine Stiftung „Give Children a Hand“, die dafür sorgt, dass besondere Kinder besondere Prothesen bekommen. Einmal Super-Held, immer Super-Held. Mit oder ohne Cape.

NIna Böhmer Krankenschwester Bezahlung

Mutige Krankenschwester kämpft für bessere Bezahlung (Endziffer -15)

Musste erst eine Pandemie ausbrechen, damit die Politik auch nur erahnt, was Klinikpersonal jeden Tag und jede Nacht leistet? Das fragen sich all die Pfleger und Krankenschwestern, die von Zimmer zu Zimmer hechten, die Doppelschichten schieben, die zu Helden werden für unsere Mütter, Kinder, den Nachbarn, uns! Und das nicht erst seit Corona.

Eine, die ihre Stimme laut erhebt, ist Krankenpflegerin Nina Magdalena Böhmer (28) aus Berlin. Ohne Beschönigung prangert sie im Internet die Missstände an: von der schlechten Bezahlung, der jahrelangen Gleichgültigkeit der Minister bis hin zu fehlenden Schutzmaßnahmen für das Klinikpersonal in der Coronakrise. „Wir sind doch keine Superhelden und können uns genauso anstecken“, findet Nina deutliche Worte im Interview mit auf einen Blick.

Jüngste Entscheidungen von Gesundheitsminister Jens Spahn und Co., etwa die Personaluntergrenze in der Notlage anzupassen, hält sie für unzureichend. Und: Sie ist sich sicher, dass nach Corona alles wieder sein wird wie vorher. „In der Politik geht es nur ums Geld. Wir werden auch weiterhin kaputtgespart.“ Fachkräfte wie Pfleger und Schwestern verdienen als Einsteiger etwa 2000 bis 2400 Euro Brutto, mit vielen Jahren Berufserfahrung 3200 Euro brutto pro Monat, je nachdem für welche Klinik oder welches Heim sie tätig sind.

Nina träumt von einer Welt, in der wir alle aufstehen und uns gerade machen für die, die unser Leben retten. „Petitionen an den Bundestag zu unterzeichnen“ oder „öffentlich protestieren“: Das wünscht sich die junge Frau, denn ihr und den Kollegen selbst sind in Sachen Demos oft die Hände gebunden: „Eigentlich müssten wir so streiken, wie es die Fluggesellschaften tun. Aber wie sollen wir das machen, ohne die Patienten zu gefährden?“

Und die Patienten sind es, warum Nina Krankenschwester geworden ist: „Ich liebe den Bezug zu den Menschen und dass ich sie ein Stück in ihrem Schicksal begleiten kann.“ Doch schon mit Beginn der Ausbildung wurde sie mit den Missständen konfrontiert. Viele Kollegen haben sie damals sogar gefragt, ob sie sich bei der Jobwahl auch wirklich sicher sei. „Aber ich hatte mich in den Beruf verliebt.

Die Kollegen aus der Berliner Klinik sind es auch, die zu 100 Prozent hinter Nina und ihrer Mission stehen. Und bald hoffentlich viele weitere Menschen, die sie bei ihrem Kampf um eine Veränderung unseres Gesundheitssystems unterstützen.

NIna Böhmer Krankenschwester Bezahlung

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Seit 50 Jahren pflegt er seinen Sohn (Endziffer -20)

Seine Vaterliebe verleiht ihm Flügel. Ganz ohne Hilfe kümmert sich Andreas Engert Tag und Nacht um Joachim

Noch nie wurde das Drehbuch unseres Lebens so schnell und gnadenlos für uns alle umgeschrieben wie in diesen schweren Wochen. Von einer Aufstiegsgeschichte zu einem scheinbar nicht enden wollenden Thriller. Bei Andreas Engert aus Dittelbrunn (Bayern) ist es schon lange komplett anders, als wir uns unsere Welt sonst oft zeichnen.

Mit seinen 92 Jahren wird nicht er von seinen Kindern umsorgt, der Rentner pflegt seinen behinderten Sohn. Eine erdrückende Last in diesem betagten Alter? Nein! Gerade das Gefühl, gebraucht zu werden, gibt Andreas Engert viel Kraft. „Es ist eine Herausforderung, die aber auch sehr viel Freude macht“, sagt er über seinen ganz besonderen Männer-Haushalt mit Joachim (60).

Vor 50 Jahren brachte Engerts zweite Frau Friedhilde den damals 10-Jährigen mit in die Ehe. Aufgrund von Sauerstoffmangel bei der Geburt ist er geistig behindert und auf dem Entwicklungsniveau eines Kindes geblieben. Mit 28 kam Diabetes dazu, mit 48 eine Herz-OP. Seitdem braucht Joachim rund um die Uhr Betreuung. Tagsüber ist er in der Regel in einer Behinderteneinrichtung, den Rest der Zeit umsorgt ihn der Vater – seit dem Tod seiner Frau vor 17 Jahren ganz allein.

Einkaufen, das Essen täglich frisch kochen, Ordnung halten, Joachim betreuen und medizinisch versorgen – der ehemalige Bauingenieur Andreas Engert hat alles im Griff. Viermal am Tag misst er Joachims Blutzuckerspiegel und gibt ihm auch die notwendigen Insulinspritzen. Die beiden Männer sind ein eingespieltes Team mit festen Ritualen: montags Sauna, freitags Schwimmbad, jeden Abend ein Spaziergang. Und wenn Joachim aus der Werkstatt nach Hause kommt, sitzen Vater und Sohn erst mal bei Kaffee mit Fleischsalatbrot zusammen. Manchmal unterhalten sie sich, manchmal nicht. Typisch Männer eben.

Vor allem Enkel Michel (20), der selbst ausgebildeter Pfleger ist, zieht seinen Hut vor der Leistung seines Großvaters. „Ich arbeite gerne, aber nach acht Stunden bin ich müde und froh, Feierabend zu haben. Opa macht das 24 Stunden. Das ist schon ziemlich stark“, sagt er. Obwohl Andreas Engert nach zwei OPs und wegen einer Thrombose selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, kommt ein Heim für ihn auf keinen Fall infrage. Während andere von den ganz großen Sachen träumen, hat er nur einen Traum: „Joachim bleibt bei mir, solange ich kann. Das habe ich meiner Frau versprochen!“