Olav leistet erste Hilfe für die Seele - Helden des Alltags 2022

Wenn die Seele erste Hilfe braucht, ist er zur Stelle

Olav Meyer-Sievers hat im Leben schwere Verluste erlitten. Seine Erfahrungen nutzt er, um anderen Trost zu spenden

Man kann sich keine schlimmere Nachricht vorstellen, als die über den Tod eines geliebten Menschen. Olav Meyer-Sievers (65) weiß dies nur zu gut. Und trotzdem hat es sich der Hamburger zur Aufgabe gemacht, Menschen in diesen schweren Momenten Halt zu geben.

Seit 15 Jahren ist Olav Meyer-Sievers ehrenamtlich beim Kriseninterventionsteam (KIT) des DRK Harburg. Eine Zeit, die umso schwerer wiegt, wenn man bedenkt, wie schwierig diese Aufgabe ist. „Wir begleiten die Polizei nach tödlichen Unfällen, bei Suiziden oder anderen schlimmen Fällen, sprechen mit Hinterbliebenen und Augenzeugen”, erklärt er im Gespräch mit auf einen Blick. Das können nur die wenigsten; auch er steckt da nicht alles weg. „Einmal fragten mich die Kinder, deren Vater gerade gestorben war, ob ich morgen wieder komme, und ich musste nein sagen.” Das KIT ist nämlich nur für die erste akute Betreuung zuständig. „An diese Kinder habe ich noch lange gedacht”, so der gelernte Fotograf.

Schweren Verlust kennt Meyer-Sievers selbst. Als er 17 war, nahm sich seine Mutter das Leben. „Das war 1975. Da hieß es ‘Nicht dran denken‘.” Mit Anfang 30 verlor er auch seinen Freund durch Selbstmord. „Dieses Mal wollte ich es nicht verdrängen.” Er arbeitete aktiv an seiner Trauer, wurde nebenberuflich sogar Trauerredner. „Ich merkte einfach, dass ich keine Berührungsängste zu Trauernden hatte.” So kam er auch zu seinem Engagement beim KIT.

2014 ließ der Helfer die Arbeit allerdings für gut zwei Jahre ruhen. „Eins meiner Enkelkinder verstarb mit sechs Monaten nach einem Behandlungsfehler”, erzählt er. Da konnte – und durfte – er nicht weitermachen. Heute ist Meyer-Sievers wieder im Dienst. „Es hilft zu sehen, dass man mit seinem Schicksal nicht allein ist. Und dass wir wenigstens ein bisschen helfen können, tut gut.”

Olav leistet erste Hilfe für die Seele - Helden des Alltags 2022

Aljona hilft den Menschen im Ahrtal

Aus einer Katastrophe wurde tiefe Freundschaft

Weil im Ahrtal nach der Flut noch immer jede helfende Hand gebraucht wird, zogen Aljona und andere dorthin

Die Naturgewalt riss alles mit sich und hinterließ Tränen, Zerstörung und Verzweiflung. Und auch ein Jahr nach der Flutkatastrophe zieht in Altenahr die Normalität nur langsam wieder ein. Viele Helfer sind schon gegangen. Doch einige sind noch immer vor Ort. Eine von ihnen ist Aljona Barz (35).

Als sie die Bilder aus dem Ahrtal sah, war ihr sofort klar: „Da muss ich helfen.“ Die ausgebildete Traumapädagogin ging deshalb für zwei Tage in das Flutgebiet, erkannte aber schnell, dass ihre Arbeit so kaum Früchte trägt. „Die Leute bauen eine Beziehung zu einem auf. Da kann man nicht einfach wieder gehen.“

Sie kündigte Job und Wohnung in Bielefeld und zog nach Altenahr. Selbst über Weihnachten blieb sie dort. Zehn Monate ist das jetzt her. Seitdem lebt sie in einer WG, die vom „Hoffnungswerk“ gegründet wurde. Der Verein ist im Zuge der Katastrophe entstanden und hat es sich auf die Fahne geschrieben, den Menschen im Ahrtal praktische Hilfe zu bieten, für sie aber auch Begegnungsorte zu schaffen, an denen sie sich austauschen können. Über Ängste, den Verlust von Haus, Hof, Erinnerungen. Auch den Verlust von Angehörigen.

Aljona und ihre Mitbewohner, die wie sie auch ihr altes Leben hinter sich ließen, sind für die Betroffenen ein Anker. Die Gruppe hilft nicht nur beim Wiederaufbau: Wiebke kümmert sich zum Beispiel um ein älteres Ehepaar, geht einkaufen oder fährt sie zum Arzt. Zu ihren Aufgaben zählen die Helfer aber auch das Zuhören. Auch deshalb ist die Beziehung zu den Anwohnern sehr innig, sehr freundschaftlich.

„Ich war gerade drei Wochen im Urlaub. Und überall freuen sich jetzt die Menschen, mich wiederzusehen. Das ist ein schönes Gefühl“, erklärt Aljona. David (26) erzählt von ehemaligen Anwohnern, die ihm freudestrahlend erzählten, dass sie wieder zurück nach Ahrweiler ziehen. „Das sind wahnsinnig schöne Momente.“ Momente, die jedem von ihnen das Gefühl geben: „Es war richtig, hierherzukommen.“

Aljona hilft den Menschen im Ahrtal

Julia hatte einen Schlaganfall mit 29: Jetzt hilft sie anderen

Schlaganfall mit 29: Jetzt helfe ich anderen

Julia kämpft sich für ihre Familie zurück ins Leben und macht sich für Aufklärung stark

Beim Schlaganfall zählt jede Sekunde. Julia Montaner (34) wird nicht müde, diese Botschaft zu wiederholen – auf Instagram, in Interviews – und mittlerweile auch im TV. Die junge Mutter weiß, wovon sie spricht. Als sie vor knapp fünf Jahren einen Hirninfarkt hatte, vergingen Tage bis zur Diagnose und der richtigen Behandlung.

„Ich hatte eindeutige Symptome, aber selbst meine Hausärztin schloss einen Schlaganfall aus”, erzählt Julia auf einen Blick. Die Medizinerin hielt sie für zu jung – trotz der Kopfschmerzen, dem Schwindel, dem Herzrasen und den motorischen Schwierigkeiten. Da die Beschwerden zudem nachließen, ging Julia auch erst nach einem Tag zur Ärztin.

Und nur weil ihre Schwester und Mann Ramon nicht lockerließen, ergab schließlich ein CT im Krankenhaus: Julia hatte einen Schlaganfall. Bis heute kämpft sie mit den Folgen: Sie leidet u.a. an Epilepsie, hat Spastiken, eine Hemiparese (Lähmung einer Körperhälfte) und Probleme beim Sprechen. Doch Julia trainiert unermüdlich für jeden Fortschritt – für Ramon (38) und Töchterchen Clara (7). „Mein Grund zu leben”, sagt die junge Frau.

Indem sie mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit geht und mutig Momente aus ihrem Leben, die harten Therapien, auch die Rückschläge teilt, will sie für das Thema sensibilisieren, das so viele Menschen betrifft (jedes Jahr erleiden 270000 Deutsche einen Schlaganfall). „Mir ist es genauso wichtig, Betroffene zu motivieren”, sagt sie. Ihre Botschaft: Krankheiten nicht die Oberhand gewinnen lassen, akzeptieren, wenn ein Plan von heute auf morgen durch das Schicksal zunichte gemacht wird. Und, das wichtigste: „Niemals die Wertschätzung für das Leben zu verlieren!”

Julia hatte einen Schlaganfall mit 29: Jetzt hilft sie anderen

Marions Sohn rettete sieben Menschen

Mein verstorbener Sohn rettete sieben Menschen

Marion Strauß verlor ihr einziges Kind – heute setzt sie sich für Organspende ein

Es sagt alles über den Charakter eines Menschen aus, wenn er in seiner schwersten Stunde an andere denkt. Marion Strauß (62) aus Dresden entschied sich vor zwölf Jahren nicht nur dafür, die Organe ihres Sohnes zu spenden, sie macht sich bis heute für das Thema stark.

Martin war erst 22 Jahre alt, als ein damals ebenfalls 22-Jähriger mit seinem Auto in die Gruppe Männer fuhr und Martin erfasste. Er stürzte und sein Gehirn wurde irreversibel geschädigt. „Die Ärzte hatten alles versucht, aber die Verletzungen waren zu stark”, erzählt Marion beim Besuch von auf einen Blick. Als der Arzt ihr die furchtbare Nachricht überbrachte, lautete eine ihrer ersten Fragen: „Kann Martin seine Organe spenden?”

Ungewöhnlich? „Nein!”, findet Marion. Sie sagt: „Martins Tod war so sinnlos, dass seine Organe anderen Menschen eine Chance geben, das macht indes Sinn.” Sieben Menschen hat Martin das Leben gerettet. Marion ist sich sicher, er hätte das gewollt: „Er war Blutspender. Und wenn für ihn diese Chance bestanden hätte, wäre ich auch voller Hoffnung gewesen.”

Marion beteiligt sich am „Netzwerk Spenderfamilien” und unterstützt die Deutsche Stiftung Organtransplantationen (DSO), u.a. mit Vorträgen für Ärzte über Spender und ihre Familien. Und sie will sensibilisieren: „Redet über Organspende, auch wenn es die meisten glücklicherweise nie betreffen wird!” Doch nur der offene Austausch hilft Angehörigen in der schwersten Stunde, eine Entscheidung zu treffen.

Bei Jessica finden Trauernde Trost

Bei Jessica finden Trauernde Trost

Sie selbst fand nach dem Tod des Vaters im Hospiz Halt. Deshalb ist sie heute für andere da

Trauer, Krankheit, Tod – das sind eigentlich nicht die Themen, mit denen sich junge Menschen beschäftigen. Bei Jessica Schmidt aus Liebenstein (Thüringen) ist das anders. Seit fünf Jahren betreut die 23-Jährige im ambulantes Hospiz-Zentrum Bad Salzungen & Rhön Kinder und Jugendliche, die nahe Angehörige verloren haben oder verlieren werden sowie schwerkranke Menschen – und das in ihrer Freizeit.

Warum sie das macht? Sie war selbst mal eine von ihnen. Als sie 12 Jahre alt war, wurde bei ihrem Vater Krebs diagnostiziert. Zwei Jahre später starb er. „Da habe ich am eigenen Leib erfahren, wie wichtig diese Arbeit ist, wie viel Kraft sie mir gegeben hat, und das wollte ich gerne weitertragen“, so Jessica im Interview mit auf einen Blick. Deshalb arbeitet sie nach einer Ausbildung zur ehrenamtliche Hospizhelferin seit 2018 offiziell in der Einrichtung.

Gerade beendet sie zudem ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin. Zeit für ihre Schützlinge nimmt sie sich trotzdem. Einmal im Monat trifft sich die Kindertrauergruppe und alle zwei Wochen besucht Jessica eine junge Frau, die selbst erkrankt ist. Die Themen Trauer und Sterben vereint sie zwar alle, sollen aber nicht immer im Mittelpunkt stehen. „Es geht auch darum, einfach ein bisschen Unbeschwertheit zu erleben“, erklärt Jessica. Darum wird gebastelt, gespielt oder auch mal ein Ausflug gemacht.

Manchmal brauchen die Kinder einfach eine gute Freundin. Da merkt Jessica auch, wie hilfreich ihr Alter ist. Denn nur sehr wenige Hospizbegleiter sind so jung wie sie. „Aber es ist verdammt wichtig, gerade für die, die selbst erkrankt sind, dass es auch jemanden auf Augenhöhe gibt, mit dem man sich austauschen kann.“ Und: Wer mit so viel Herz bei der Sache ist, motiviert vielleicht auch mal die eigenen Schützlinge zum Ehrenamt.

 

Darlene Trost pflegt ihren Papa

„Papa, jetzt bin ich für Dich da!”

Stephan Trost braucht rund um die Uhr Pflege. Als seine Frau starb, zog Tochter Darlene wieder ein

Mit Anfang 20 wieder Zuhause einziehen? Alle Freiheiten aufgeben? Darlene Trost aus Eberbach in Baden-Württemberg zögerte keine Sekunde in dem Moment, in dem ihr Vater sie dringend brauchte.

Stephan Trost (54) benötigt seit fünf Jahren Pflege. Er leidet unter permanenten Schmerzen sowie unter starkem Muskelschwund. An manchen Tagen ist es so schlimm, dass der ehemalige IT-Administrator das Bett nicht verlassen kann. Auf eine Diagnose wartet er bis heute. Doch auch so weiß der 54-Jährige: Ohne Unterstützung daheim müsste er in ein Pflegeheim ziehen.

„Als meine Mama dann vor vier Jahren mit nur 49 Jahren plötzlich starb, stand für mich fest, dass ich für meinen Papa da sein will”, sagt Darlene zu auf einen Blick. Noch am selben Tag packte die heute 27-Jährige in ihrer Wohnung die wichtigsten Sachen zusammen. Seitdem kümmert sich die Heilerziehungspflegerin tagsüber um den Haushalt, übernimmt die Pflege und hilft beim Papierkram mit Behörden und Versicherungen. Und damit das Geld reicht, absolviert Darlene trotz Vollzeitpflege Nachtschichten in einem Pflegeheim.

Tagsüber pflegt sie ihren Vater, nachts arbeitet sie

Stephan Trost ist seiner Tochter unendlich dankbar. „In Worten kann ich nicht ausdrücken, was sie alles auf sich nimmt”, sagt er. Für Darlene ist das indes selbstverständlich. „Wir sind trotz allem glücklich”, sagt sie lächelnd. Und das ist für das starke Vater-Tochter-Gespann alles, was zählt.

Darlene Trost pflegt ihren Papa

Zwölfjährige Aya zeigt Zivilcourage

Zivilcourage kennt kein Alter!

Als alle wegschauten, erhob die zwölfjährige Aya für einen Obdachlosen ihre Stimme

Wegschauen ist leicht. Hinschauen aber kann die Würde oder sogar das Leben anderer retten. Eigentlich wollte Aya an diesem lauen Maitag nur mit Freundinnen bummeln. Was Teenager eben gern so tun. Doch als die Fünftklässlerin sah, wie eine Passantin plötzlich einen wehrlosen Obdachlosen bepöbelte und beleidigte, wurde sie zur Heldin.

Denn die 12-jährige ging nicht achtlos weiter wie so viele andere, sondern zeigte Zivilcourage und stellte sich schützend vor den Mann. „Er tat mir total leid. Niemand hat es verdient, wegen seiner Herkunft oder Geschichte so behandelt zu werden“, erklärt das Mädchen, das 2014 mit seiner Familie von Syrien nach Deutschland geflohen ist. „Ich bin so stolz auf meine Tochter“, sagt die vierfache Mutter Razan (30). „Aya konnte bei Ungerechtigkeit noch nie wegsehen, und jetzt hat sie solchen Mut bewiesen.“

Doch für den Mut musste Aya büßen: Sie kassierte Beleidigungen und Schläge von der Frau. Passanten konnten beide schließlich trennen und Aya kam mit Blutergüssen davon. Ob sie je wieder so handeln würde? „Auf jeden Fall“, sagt sie. „Wenn keiner hilft, wer tut es dann? Ich hatte keine Angst, schließlich hab ich schon Härteres erlebt.“

So furchtlos war sie allerdings nicht immer, früher sogar eher weinerlich, wie sie zugibt. „Meiner Schule, der Thomas-Mann-Schule, habe ich viel zu verdanken“, sagt die Fünftklässlerin, deren Lieblingsfach Sport ist. „Die Lehrer sind toll und wir halten alle zusammen wie eine Familie. Dort lernte ich, mich selbst zu lieben, wurde selbstbewusst und stark.“ So stark, dass sie mittlerweile selbst Anzeige wegen Körperverletzung gegen die Täterin erstattet hat. Später will Aya im sozialen Bereich arbeiten und anderen helfen – wir drücken die Daumen. Denn unser Land braucht Heldinnen wie sie!

Ruth Strüder hilft Heim- und Pflegekindern

Bei uns finden Heimkinder neuen Halt

Wer ohne Hilfe ins Erwachsenenleben startet, hat es doppelt schwer. Ruth weiß das und hilft

Heute überwiegt der Stolz – auf das, was sie allein erreicht hat. Ruth Strüder hat Abi, macht eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin und managt ihr Leben selbstbewusst. Doch es gab Zeiten, in denen war die 21-Jährige vor allem: verzweifelt.

Als die Gladbacherin zwölf Jahre alt war, wurden die Verhältnisse in ihrem Zuhause immer schwieriger, die Eltern trennten sich, Ruth wurde aus der Familie genommen und wuchs in einer betreuten Jugend-WG auf. „Als ich älter wurde, fingen die Probleme erst richtig an“, erzählt sie auf einen Blick.

Kinder und Jugendliche, die in der Jugendhilfe großwerden, sind oft von dem Tag, an dem sie 18 werden, auf sich gestellt. „Finanzielle Unterstützung, Hilfe bei organisatorischen Fragen oder einfach, dass bei Sorgen Mama und Papa zuhören, fällt bei uns weg“, sagt sie.

Mit „uns“ meint Ruth sogenannte Careleaver (deutsch: Fürsorgeverlasser). Das sind Menschen, die in Heimen, bei Pflegeltern oder in anderen Einrichtungen großwerden. „Sie müssen auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben Hürden überwinden, die anderen fremd sind.“ Ein Beispiel: Careleaver müssen Betreuungskosten zurückzahlen – bis zu 25 Prozent des Einkommens können das monatlich sein.

Doch dank Ruth und ihren Mitstreitern vom Verein Careleaver (www.careleaver.de) gibt es heute ein Netzwerk, bei dem Betroffene Halt bekommen, sich austauschen und Tipps geben können. Ruth, die im Vorstand ist und die Regionalgruppe in Nordrhein-Westfalen leitet, sagt: „Ich weiß, wie ich es geschafft habe und kann nun anderen helfen, es zu schaffen.“

Der Verein bietet auch Treffen und Workshops an. Ruth und ihre Kollegen, die alle ehrenamtlich arbeiten, werden dabei mit ihrem eigenen Werdegang Vorbilder zum Anfassen. Und dank ihres Engagements entsteht eine Gemeinschaft. Ein bisschen wie eine Familie – nur größer.

Ruth Strüder hilft Heim- und Pflegekindern

André Bartels gründete 2016 den Verein Ein Tropfen Hoffnung

Jedes kranke Kind braucht einen Tropfen Hoffnung

Weil das große Leid anderer Familien ihn so bewegte, gründete André Bartels die Initiative „Ein Tropfen Hoffnung“

Wenn das eigene Kind im Krankenhaus liegt, gibt es wohl nur wenige Eltern, die einen Blick für Familien haben, denen es noch schlechter geht. Doch André Bartels (45) aus Bassum (Niedersachsen) tat genau das. Sein Sohn Julian (11) hat eine Entwicklungsverzögerung, er kann nicht richtig laufen, auch das Sprechen bereitet ihm Schwierigkeiten. Außerdem braucht er rund um die Uhr Betreuung.

Und dennoch hat der Vater, der hauptberuflich eine Installationsfirma leitet, 2016 den Verein „Ein Tropfen Hoffnung“ gegründet. „Meine Frau und ich haben in den letzten Jahren viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. Dabei haben wir gesehen, dass beispielsweise alleinerziehende Mütter mit schwerkranken Kindern durchs Raster im Sozialsystem fallen. Da habe ich gesagt: ‚Wir müssen diesen Menschen schnell und unbürokratisch helfen.‘“ Der Verein mit sieben Gründungsmitgliedern, der sich rein aus Spenden finanziert, macht das möglich. Anfangs kam er hauptsächlich für den Umbau von behindertengerechten Bädern auf. Heute springt der Verein auch ein, wenn das Geld nicht reicht, etwa für die Stromrechnung oder eine Klassenfahrt. „Die Spenden gehen 1 zu 1 an die Familien“, so der Niedersachse. So konnte der Verein in den letzten Jahren bereits ca. 35 Kindern und ihren Familien helfen.

Doch er hat mit seinem Herzensprojekt noch viele Pläne, möchte den Verein bekannt machen: „Jeder, der Hilfe braucht, soll wissen, dass ihm hier schnell und unbürokratisch geholfen werden kann.“ Im Gespräch mit auf einen Blick sprudelt er vor Ideen, wie etwa eine 24-Stunden-Rufbereitschaft mit festangestellten Mitarbeitern, die sich um Anfragen kümmern.

Wenn es nach ihm ginge, bräuchte der Tag weit mehr als 24 Stunden. Nicht etwa, um neben seinem Vollzeit-Job, dem Ehrenamt und der Betreuung seines Sohnes Zeit zum Ausruhen zu finden. Sondern um noch mehr Kindern zu helfen. Sein Appell: „Denkt auch ein Stück weit solidarisch an die Familien, die gar nichts haben – davon gibt es genügend.“

André Bartels gründete 2016 den Verein Ein Tropfen Hoffnung

Giulia und Lätitia retteten zwei Leben

Alle sahen weg, doch diese Engel retteten zwei Leben

Ohne die Freundinnen Giulia und Lätitia wäre ein dramatischer Autobahn-Unfall ganz anders ausgegangen…

Wie würden Sie reagieren, wenn vor Ihnen auf der Autobahn plötzlich ein Unfall passiert und alle weiterfahren? Oder wenn Sie selbst blutend auf dem Boden liegen und jeder an Ihnen vorbeibraust? Giulia Jurasek (19) und Lätitia Watzlaw (19) aus Hanau (Hessen) mussten nicht lang überlegen, was das Richtige ist, als sie Anfang Mai zwei Motorradfahrer auf der Autobahn A 66 liegen sahen. „Wir sind sofort rechts rangefahren, um eine Rettungsgasse zu bilden, haben das Warndreieck aufgestellt und den Notruf alarmiert”, erzählt Lätitia im Interview mit auf einen Blick.

Doch nicht nur das: Die Freundinnen halfen auch den verletzten Bikern. „Sie waren ansprechbar, hatten aber wirklich schlimme Verletzungen. Einer der beiden hat immer wieder vor Schmerzen geschrien”, erinnert sich Giulia an die furchtbaren Szenen. Aber was sie am meisten schockierte, war die Gleichgültigkeit vieler anderer Autofahrer. „Die fuhren einfach an den verletzten Jungs vorbei – manche sogar mit hohem Tempo.”

Zum Glück für die Verletzten griffen die Abiturientinnen beherzt ein, ihr Erste-Hilfe-Kurs lag noch nicht lange zurück. Sie brachten Wasser, Decken und beruhigten die Verletzten. Auch als die Rettungssanitäter endlich vor Ort waren, wichen Giulia und Lätitia nicht von der Seite der Jungs und hielten jeweils einen Tropf mit Kochsalzlösung, bis die Männer ins Krankenhaus gebracht wurden.

„Danach standen wir schon ein bisschen unter Schock”, gibt Giulia zu. Und Lätitia ergänzt: „Ich konnte mich die Tage danach nicht in ein Auto setzten.” Worüber sich die beiden aber gefreut haben: „Die Familien der Opfer haben sich nur ein paar Tage nach dem Unfall bei uns bedankt.” Und: Motorradfahrer aus der ganzen Republik haben sich bei Giulia und Lätitia gemeldet und ihren mutigen Einsatz gelobt.

Giulia und Lätitia retteten zwei Leben

Andrea Würtz deckt Pflege-Skandal auf

Diese mutige Frau deckt riesigen Pflege-Skandal auf!

Was in der Seniorenresidenz passierte, lässt Andrea Würtz bis heute nicht los – sie kämpft weiter

Eine Frau liegt hilflos im Bett, abgemagert, ihr Körper voller Brei. Ein Mann, dessen Urinbeutel seit Monaten (!) nicht geleert wurde, hat blutige Wunden. Überall abgelaufene Medikamente, Pilze in den Trinkbechern, Mäuse in der Küche. Würden Sie Ihre Angehörigen an einem solchen Ort wissen wollen? Denn was nach dem Schauplatz eines Horrorfilms klingt, spielte sich in Wahrheit in einem Seniorenheim ab! Andrea Würtz setzte diesem Spuk ein Ende, doch das Problem ist noch lange nicht aus der Welt. Rückblick: Frühjahr 2020, Corona-Ausbruch in einem Seniorenheim in Oberbayern. Andrea Würtz ist im Auftrag des Gesundheitsamtes vor Ort. Was sie vorfindet, verstößt gegen weit mehr als nur die Corona-Schutzmaßnahmen: verdreckte Räume, unterernährte Menschen, hilflose Blicke. Im Gespräch mit auf einen Blick findet die 44-Jährige klare Worte: „Da wurden Menschenrechte mit Füßen getreten.“

Sie meldet die Vergehen, wendet sich an Vorgesetzte. Als das Heim nach weiteren schweren Vorfällen nicht geschlossen wird, geht sie an die Öffentlichkeit. „Alle wussten von den Missständen und haben weggeschaut, sahen keinen ausreichenden Anlass zur Schließung – aus Angst, Überforderung, Resignation.“ Die Zustände auf den Personalmangel zu schieben, sei für Würtz nicht die alleinige Lösung. Das Heim sei „nur ein Baustein des Systemversagens. Aber es ist falsch, zu pauschalisieren – es gibt gute Heime, aber zu wenige. Wir müssen die Kontrollsysteme ändern, um die Leute effektiv beschützen zu können.“ Es dauert anderthalb Jahre, bis ihr unermüdlicher Kampf anschlägt und das Heim geschlossen wird. Ein Sieg? „Es ist ein viel zu hoher Schaden für die Bewohner entstanden. Ich habe sie nicht schnell genug retten können“, so das Fazit der dreifachen Mutter. 17 Bewohner sind gestorben, in 88 Fällen wegen Körperverletzung ermittelt die Staatsanwaltschaft noch heute.

Auch für Andrea persönlich hat der Skandal Folgen: Sie musste nach ihrer Kündigung im Gesundheitsamt erleben, wie ihr selbst gekündigt wurde, musste sogar umziehen – für manche Kollegen ist sie Nestbeschmutzer. Doch sie bereut kein Wort, keine Tat. Vielmehr spornt es die Frau, die selbst mit einer krebskranken Mutter aufgewachsen ist und die Situation als pflegende Angehörige kennt, an, weiterzukämpfen. „Jedes einzelne Schicksal ist eine Schande und ist es wert, darüber zu sprechen. Das sind wir den Menschen schuldig.“

Andrea Würtz deckte Pflege-Skandal auf

Den Pflege-Alltag kennt Andrea Würtz selbst aus ihrer Zeit als Kinderkrankenschwester.

Bernd Nierhaus Rolli-Rockers-Sprösslinge e.V

Vier Räder und ein ganz großes Herz

Als Bernd die Diagnose MS bekam, beschloss er, nicht zu verzweifeln. Stattdessen hilft er Familien in Not

Wenn Bernd Nierhaus (62) in seiner Heimat Mülheim an der Ruhr unterwegs ist, muss er immer Zeit einplanen. Fast jede Minute schallt ihm ein „Hallo” oder freudiges „Opa Bernd!” entgegen. Viele hier verdanken dem ehemaligen LKW-Fahrer nämlich einiges.

„Als ich die Diagnose MS bekam, wollte ich zuerst nur heulen”, sagt er beim Besuch von auf einen Blick. Die Krankheit machte ihn zum Rentner, mittlerweile zum Rollstuhlfahrer. Doch er fand auch eine neue Aufgabe. Seit 12 Jahren kümmert er sich um Familien in Not, gründete 2012 den Verein „Rolli-Rockers-Sprösslinge e.V.”. „Ich weiß, was die Kinder brauchen”, erklärt er. Er selbst hatte eine schwierige Kindheit, verbrachte Zeit im Heim. „Ich hatte nie ein Bett, das mir gehörte.” Deshalb sorgt er jetzt dafür, dass es anderen besser geht.

„Am häufigsten helfen wir bei der Einrichtung von Kinderzimmern”, sagt er. Aber Bernd und seine ehrenamtlichen Helfer organisieren auch Inklusionssport, Musikunterricht für bedürftige Kinder und helfen bei größeren Anschaffungen, wie bei Familie Denkler. Ein Auto musste dringend her, weil der öffentliche Nahverkehr für die beiden autistischen Söhne (12 und 19) nur schwer zu bewältigen war. Besonders für Sohn Leon (12) war es eine Qual. „Wir sind Bernd so dankbar für alles, was er tut”, sagt Mutter Karolina.

Für den zweifachen Opa ist die Arbeit nicht immer leicht. „Besonders wenn Kinder sterben, ist das hart. Das geht mir sehr nahe”, so Bernd. Aber es ist auch eine Motivation, weiter zu machen. „Wenn man sieht, was ich sehe, dann nimmt man sich selbst nicht mehr wichtig.”

Bernd Nierhaus Rolli-Rockers-Sprösslinge e.V

 

Hamburg Obdachlose Max

Jetzt schenkt Max Fremden ein Obdach

Er kämpfte sich von der Straße zurück ins Leben – und rettet heute andere Betroffene

Wenn Max einschlägige Hamburger Ecken frequentiert und ihm ein beißender Geruch in die Nase zieht, werden Erinnerungen in ihm wach. An eine Zeit, in der er „Platte machen“, sich also obdachlos durchschlagen musste. „Das war heftig“, sagt er. „Wenn ich von der Stadtreinigung geweckt wurde, fühlte ich mich oft selbst wie Müll.“ Und alles nur, weil er wegen Eigenbedarfs vor zwölf Jahren die Wohnung verloren hatte. Nirgendwo fand er damals Unterschlupf, seine Mutter wollte ihn nicht aufnehmen. Und da er nicht als Bittsteller dastehen wollte und spartanisch über die Runden kam, ging er den unbürokratischen Weg. Seine Gefährten von einst hat er nie vergessen. Stattdessen schenkt er ihnen heute eine Perspektive: Mit der von ihm gegründeten Bürgerinitiative „Hilfe für Hamburger Obdachlose“ verteilt er Spenden, vermittelt Wohncontainer und Stellplätze. Neuestes Projekt: spezielle „Iglous“, die vor Erfrierungen schützen – oder gar vor dem Kältetod.

All das wäre wohl nicht möglich, hätte es diesen Schicksalsmoment nicht gegeben: Im Januar 2012, als Max, noch immer wohnungssuchend, quer durch Deutschland geradelt war und sich in seiner Heimatstadt Bad Nauheim wiederfand – am Boden zerstört und völlig erschöpft. Da wandte sich ihm eine Fremde zu und bot ihm ihr Gästezimmer an. „Das war ein magischer Moment – und ein großer Vertrauensvorschuss. Ich hätte ja auch ein dreifacher Axtmörder auf der Flucht sein können“, witzelt er. Von da an ging es endlich bergauf: Er fand eine Bleibe und Arbeit als Gärtner.

Heute wohnt er nahe Hamburg, arbeitet als Kameramann – und setzt sich ehrenamtlich für mehr Menschlichkeit ein. Wie etwa für Horst, der mit 62 frisch verwitwet seine Wohnung verlor, weil er die Miete nicht mehr zahlen konnte. Durch seinen Container hat er den Sprung in ein reguläres Mietverhältnis geschafft – dank Max, der sich wieder bestätigt sieht: „Es lohnt sich immer, an das Glück zu glauben!“

Auch auf Facebook berichtet Max von seinem Engagement.

Charlotte Arnold Pro Mater Sano

Wir lassen schwer kranke Mütter nicht allein!

Charlotte Arnold erkrankte schwanger an Brustkrebs. Jetzt hilft sie anderen, die schwere Zeit zu meistern

Wie nah Glück und Unglück beieinander liegen können, das weiß Charlotte Arnold seit Sommer 2017. Die damals 31-Jährige, der Ärzte gesagt hatten, sie könne keine Kinder bekommen, sah plötzlich ein Wunder auf dem Ultraschall: ein Baby. Doch da war auch ein Tumor in ihrer Brust. „In der Kölner Klinik riet man mir, das Baby gehen zu lassen“, erzählt Charlotte auf einen Blick. Die Hessin aber nahm den Kampf auf – für sich und ihre Tochter. So wurde eine weniger aggressive, aber für das Kind ungefährliche Chemotherapie gewählt. Für diesen Mut wurden Charlotte und ihr Freund im Dezember mit einem gesunden Baby belohnt.

Leichter wurde es damit jedoch nicht. Schwerkrank musste sie sich nun um ein Baby kümmern und die kräftezehrende Chemotherapie zu Ende bringen, bis sie endlich krebsfrei war. Eine so wichtige Haushaltshilfe etwa wurde nur für drei Wochen gewährt. „Glücklicherweise haben mich Familie und Freundinnen durch die Krankheit getragen“, sagt sie. Viele Mütter aber haben ihn nicht, diesen Rückhalt. Werden sie krank, sind sie oft mutterseelenallein. Das weiß auch Charlotte.

Und so gründete sie mit ihren Freundinnen den Verein „Pro Mater Sano“. Dort bekommen krebskranke Mütter u.a. finanzielle Unterstützung, weil die Krankenkasse nicht oder nur teilweise zahlt. Etwa für Haushaltshilfen, Babysitter oder Therapien. Auch Hilfe beim Ausfüllen von Anträgen oder ganz praktischen Rat bietet der Verein. Zum Beispiel in Form von Workshops zur Hautpflege in der Krebstherapie. Und Charlotte und ihre Freundinnen hören auch einfach zu und dürften damit auch ein großes Glück in all dem Unglück sein.

Charlotte Arnold Pro Mater Sano

Raphael Mathes mit seiner Oma Marianne

Raus aus dem Heim! Ich pflege Oma selbst

Raphael Mathes (36) kümmert sich um seine Großmutter mit einem eigenen Lebensmut-Programm

Eigentlich würde Marianne Mathes (88) jetzt wohl im Pflegeheim liegen, allein sein und das einzige Tages-Highlight womöglich in fader Großküchenkost sehen. Vielleicht hätte sie immer noch Pflegegrad fünf und magere 40 Kilo Körpergewicht – oder wäre sogar gar nicht mehr am Leben. Dass sie heute wieder so mobil ist und ihren Lebensabend daheim in Waldbrunn genießen darf, hat sie ihrem Enkel Raphael zu verdanken.

Der kann sich noch gut daran erinnern, als sie wegen eines epileptischen Anfalls 2019 in die Klinik kam und nicht mehr ansprechbar war. Die Prognosen waren damals so finster, dass Raphael aus seiner Wahlheimat Portugal anreiste – um Oma Lebewohl zu sagen. Er legte seine Hand auf ihr Herz und fing an, für sie zu singen. Und dann, wie durch ein Wunder, begann sie plötzlich mitzusummen. Für eine Zeit besserte sich ihr Zustand. Doch kaum war er im Süden zurück – der nächste Schock: Marianne, mittlerweile im Heim, baute dort zusehends ab, wurde dement. So fasste er 2020 mit seiner Mutter Christine (58) den Entschluss, seine Zelte in Portugal abzubrechen und Oma ins Elternhaus zu holen. Seitdem stemmen Mutter und Sohn das Projekt Pflege allein.

Ein ganzheitliches Gesundheitskonzept aus Yoga, Atemübungen, Meditation, gesunder Kost und natürlich viel Liebe sind das Erfolgsrezept des Yoga-Lehrers, von dem Marianne bis heute zehrt. Bei Pflegegrad zwei schafft sie wieder vieles fast allein, sodass Raphael sogar verreisen kann. Musste sie früher noch gefüttert werden, schnippelt sie mittlerweile die Kartoffeln selbst. Ab und an tanzt sie sogar mit ihrem Enkel zur Musik ihres Idols: Andrea Bocelli. In diesen Momenten ist sich Raphael sicher, dass dieser Weg goldrichtig war, und witzelt: „Sie wird uns noch alle überleben.“

Raphael Mathes; Familie, Pflege, Demenz

Diese Liebe ist stärker als das Vergessen

Ihr Mann wird immer mehr Fähigkeiten verlieren. Doch solange es geht, kämpft Ute (53) für sein selbstbestimmtes Leben…

Er ist erst 55. Doch als Bernhard 2018 die Diagnose „Frontotemporale Demenz” erhielt, war es für seine Frau Ute eher ein Befreiungsschlag: Endlich hatte die heute 53-Jährige eine Erklärung dafür, warum sich das hilfsbereite Wesen ihres Mannes so verändert hatte und er kein liebevoller Papa mehr für ihre beiden Söhne Tilo (14) und Rio (19) sein konnte…

Bernhards Form der Demenz ist sehr selten, das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt zwischen 50 und 60 Jahren. Noch kann er sich anziehen, selbständig auf die Toilette gehen oder Kaffee für sich kochen, was er am liebsten tut. Der gelernte Ingenieur fährt täglich E-Bike, spielt Volleyball, macht Ausflüge alleine. Das funktioniert nur, weil Ute die Welt für ihn sicher macht und ein Netzwerk aus Freunden und Bekannten geschaffen hat, die ihn zeitweise betreuen und die Freundschaft zu ihm pflegen. „Man spricht dann von gewährender Pflege“, erklärt die Freiburgerin. „So kann mein Mann so selbstbestimmt wie möglich leben. Aber ohne das Netz würde ich es nicht schaffen.”

Der Alltag verlangt Ute, Hebamme im Schichtdienst, viel ab. „Meine größte Sorge ist, dass er auf seinen Ausflügen Gewalt erfahren könnte“, erzählt sie. „Doch Hadern bringt nichts, sondern kostet nur Kraft.“ Die Liebe zu ihren Söhnen, für die sie Vorbild sein will, lässt sie nicht aufgeben. Und kleine Glücksmomente. Wenn Utes Mann strahlend von einem Ausflug heimkehrt und ihr trotz schweren Sprachverlustes mitteilt, dass er einen Kaffee trinken war. Oder die Momente, in denen Bernhard auf seine Frau zugeht und sie weiß: „Er meint mich. Dann spüre ich pure Liebe.“ Und: Ute hat noch eine andere Mission: Sie möchte Berührungsängste nehmen und Brücken bauen, wie sie sagt.

Auch das ZDF berichtet in „Sein Leben mit dem Vergessen” (Di, 10.5., 22.15 Uhr) über die tapfere Familie. „Weil ich zeigen will, dass auch ein Leben mit dieser Krankheit lebenswert ist”, sagt Ute. „Wenn alle ein bisschen mithelfen.”

Wir haben unser Dorf gerettet!

Ehrenamtlich und mit viel Herz für Nachbarn in Not hauchen diese Menschen ihrer Siedlung neues Leben ein

Als Bastian Ripper (46) Frau Schuchmann (84) begrüßt, strahlt die alte Dame. „Das ist der Beste, er hat viel für mich gemacht”, sagt sie dem verlegen abwinkenden Ripper, als sie sanft seinen Arm hält. Dass der Vorsitzende des Vereins „Zusammen in der Postsiedlung” das Motto „Gemeinsam gegen die Einsamkeit lebt“, merke ich immer wieder während meines Besuchs.

Mit dem Wegfall der Bundespost verlor der Darmstädter Stadtteil seinen wichtigsten Arbeitgeber und auch viele Geschäfte wanderten ab. „Es gab früher mal sechs Kioske – alle weg. Und nur eine Kneipe”, sagt Bastian Ripper. Er ist hier geboren und merkte bei den Gesprächen, wie sehr den Menschen Orte fehlten, wo sie einfach mal auf ein Bier oder einen Schnack zusammenkommen können.

Da muss etwas geschehen, dachte er sich und gründete 2015 mit ein paar Mitstreitern den Verein, der in diesen Zeiten heute wichtiger denn je ist. Weit über 70 Leute engagieren sich mittlerweile ehrenamtlich in verschiedenen Projekten, alle mit dem Ziel, gemeinsam für gute nachbarschaftliche Beziehungen zu sorgen und dem Ortssterben entgegenzuwirken. Zum Beispiel beim Mittagstisch: „Die Leute kommen auch mit ihren Problemen. Der eine versteht etwas im Rentenbescheid nicht, der andere hat Ärger mit dem Jobcenter. Wir können immer helfen.”

Aber auch Aktivitäten und Projekte stützen die Gemeinschaft. Es wurde ein 2000 Quadratmeter großes Biotop angelegt, das jetzt für nächtliche Tierbeobachtung und Exkursionen genutzt wird. Ein Umsonstladen entlastet die ärmeren Bewohner und gegen die Einsamkeit wird nun gebacken. „Gerade die älteren alleinstehenden Damen haben sozusagen die Rezepte ihres Lebens im Kopf. Für sie wurde eine Backstube errichtet, wo sie miteinander schwätzen können und als Nebeneffekt gibt es massenweise Kuchen, der dann beim Mittagstisch angeboten werden kann”, so der umtriebige Vereinsleiter, dem die rettenden Ideen wohl nie ausgehen werden.

Der Engel der verwundeten Frauen

Tatjana Michael erfuhr selbst jahrelang Gewalt – und gibt heute anderen Betroffenen neue Kraft

Lächelnd schaut sich Tatjana Michael in dem lichtdurchfluteten Raum um. „Alles selbst organisiert!“, erklärt sie stolz, als auf einen Blick sie in Arnsberg (NRW) besucht. Die 43-Jährige kann auf weit mehr stolz sein als auf ihren künftigen „Treffpunkt Wohlbefinden”. Denn die zweifache Mutter hat Unfassbares durchleben müssen.

Als Tatjana Michael sechs Jahre alt ist, erfuhr sie zum ersten Mal einen sexuellen Übergriff. Der Täter gehört zur Familie. Er vergriff sich fünf Jahre lang an ihr. Tatjana verdrängte – alles kam erst Jahre später wieder hoch. „Ich habe gar nicht begriffen, was eigentlich genau mit mir geschehen ist“, erzählt sie heute. Gemeinsam mit einer Therapeutin versuchte sie, herauszufinden, warum sie ein Vertrauensproblem hat, Nähe nur schwer zulassen kann, sich als Jugendliche umbringen wollte. Ihre Therapeutin empfahl ihr, eine Traumatherapie anzuschließen.

Doch die Zeit bis zum Therapiebeginn war lang. Tatjana hatte Angst, in ein Loch zu fallen. „In dieser Zeit hätte ich eine Selbsthilfegruppe so sehr gebraucht!“, sagt sie. Nach ihrer Therapie beschloss sie deshalb, selbst tätig zu werden, um Frauen, die ähnliche Martyrien erlebt haben, zu helfen: Sie macht eine Ausbildung zur psychologischen Beraterin und gründet ehrenamtlich die erste Selbsthilfegruppe für weibliche Opfer von sexueller und mentaler Gewalt in Arnsberg (www.shg-selbstbestimmt.de). Mittlerweile ist der Zulauf so groß, dass es Wartelisten gibt.

Heute kann Tatjana Michael auch selbst mehr vertrauen, vor allem ihrem Lebensgefährten, dem ersten Mann, mit dem sie zusammenleben kann. Sie ist ein anderer Mensch, offener und fröhlicher – durch die Therapie und der Tatsache, das sie andere Betroffene unterstützen kann. Obwohl dieser Weg hart war, lächelt sie viel, wenn sie von ihren Projekten erzählt. Weil sie weiß, dass es sich gelohnt hat, zu kämpfen. Für ihre Töchter, denen sie ein Vorbild sein möchte. Für zahlreiche Frauen, die ein selbstbestimmtes Leben führen möchten. Vor allem aber für sich selbst.

Wir erfüllen schwerkranken Kindern Herzenswünsche

Als Sophies Freund an Herzversagen starb, schuf sie ihm mit seiner Schwester Kimberley ein besonderes Vermächtnis

Jamie kann es kaum erwarten. Mit einem zweitägigen Ausflug ins Phantasialand erfüllt sich für den Achtjährigen, der wegen eines schweren, angeborenen Herzfehlers in seinem jungen Leben schon so viel durchgemacht hat, ein ganz großer Wunsch. Sophie Hoffmann (28) und Kimberly Duys (27) aus Bergisch-Gladbach, die dafür gesorgt haben, dass Jamies Traum in Erfüllung geht, wissen genau, dem Jungen auf diese Weise schenken. Einem Kind, das unendlich viele Tage seines Lebens im Krankenhaus verbracht hat.

Die beiden Frauen wissen es aus eigener Erfahrung. Sophies Freund Fred Duys (†31), der Kimberleys Bruder war, wurde ebenfalls mit einem schweren Herzfehler geboren. Und auch ihm wurde als Kind von einer wohltätigen Organisation ein Herzenswunsch erfüllt: ein Helikopterflug über Köln. „Das war so ein besonderes Erlebnis, davon hat Fred noch als Erwachsener erzählt“, sagt Sophie zu auf einen Blick. Als Fred im Herbst mit nur 31 Jahren am plötzlichen Herztod starb, stand für Sophie und Kimberley fest, dass sie ihm ein angemessenes Vermächtnis schaffen wollen – trotz all dem Schmerz und der großen Trauer. „Mein Bruder war so ein herzensguter Mensch, er soll in unser Idee weiterleben“, sagt Kimberley.

Die tapferen Frauen gründeten, unterstützt von Familie und Freunden, den Verein „Fred’s Herzenswünsche“ (www.freds-herzenswuensche.de), an den herzkranke Kinder wie Jamie ihre Wunschzettel schicken können. Sophie und Kim sind sich einig: „Wenn die Kinderaugen leuchten, ist das ein großartiges Gefühl! Dann haben wir alles richtig gemacht.“ Fred würde ihnen sicher recht geben …

Meine Nachbarn gaben mir den Lebensmut zurück

„Ohne meine Nachbarn hätte ich nicht gewusst, wie ich all das durchstehen soll“, sagt Daniela Süß (37), zweifache Mutter – und Witwe. Sie war gerade mit ihrem Mann Bernd und Söhnchen Joris nach Hohenholte in Westfalen gezogen und hatte sich den Traum vom Eigenheim erfüllt, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Alles Glück der Welt schien auf sie zu warten, als das Schicksal sich gegen sie wandte: Acht Wochen vor der Entbindung des Babys wurde bei Bernd Bauchspeiseldrüsenkrebs diagnostiziert, extrem aggressiv, nur wenige Monate Lebenserwartung blieben ihm!

Doch es waren Menschen, die sie kaum kannten, die sie auffingen. Marlies (70) und Paul (73) etwa von nebenan, die auf Joris aufpassten, wenn Daniela wieder mit ihrem Mann ins Krankenhaus fahren musste. Wiltrud (60), die sich um Hündin Carla kümmerte. Oder Nachbarin Anna (33), die noch heute regelmäßig vorbeischaut, um sicherzugehen, dass es
allen gut geht: „Daniela weiß, meine Tür ist immer offen.“

Durchgehende Chemotherapie und eine Diagnose, die jede Hoffnung raubte, bei Bernd; dazu Danielas Schwangerschaft und ein Kleinkind – das verlangte der Familie alles ab. Umso wertvoller war es, nach Hause zu kommen und mal frisch gewaschene Wäsche oder einen Topf warme Suppe zu finden. „Sie haben alle nicht gefragt, sondern einfach gemacht. Das war genau das Richtige“, sagt Daniela. Nach Hilfe zu fragen, dafür fehlte ihr oft die Kraft. Das spürten ihre Nachbarn. „Alle hatten hier immer ein offenes
Ohr für mich – bis heute.“

Am 8. Januar 2020 starb Bernd Süß mit nur 44 Jahren. Töchterchen Luise ist heute drei Jahre alt, Joris ist vier. Und Daniela schafft es, auch dank ihrer Nachbarn, nach vorn zu schauen. Sie ist sicher: „Hier ziehe ich nie mehr weg!“