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Seit 50 Jahren pflegt er seinen Sohn

Seine Vaterliebe verleiht ihm Flügel. Ganz ohne Hilfe kümmert sich Andreas Engert Tag und Nacht um Joachim

Noch nie wurde das Drehbuch unseres Lebens so schnell und gnadenlos für uns alle umgeschrieben wie in diesen schweren Wochen. Von einer Aufstiegsgeschichte zu einem scheinbar nicht enden wollenden Thriller. Bei Andreas Engert aus Dittelbrunn (Bayern) ist es schon lange komplett anders, als wir uns unsere Welt sonst oft zeichnen.

Mit seinen 92 Jahren wird nicht er von seinen Kindern umsorgt, der Rentner pflegt seinen behinderten Sohn. Eine erdrückende Last in diesem betagten Alter? Nein! Gerade das Gefühl, gebraucht zu werden, gibt Andreas Engert viel Kraft. „Es ist eine Herausforderung, die aber auch sehr viel Freude macht“, sagt er über seinen ganz besonderen Männer-Haushalt mit Joachim (60).

Vor 50 Jahren brachte Engerts zweite Frau Friedhilde den damals 10-Jährigen mit in die Ehe. Aufgrund von Sauerstoffmangel bei der Geburt ist er geistig behindert und auf dem Entwicklungsniveau eines Kindes geblieben. Mit 28 kam Diabetes dazu, mit 48 eine Herz-OP. Seitdem braucht Joachim rund um die Uhr Betreuung. Tagsüber ist er in der Regel in einer Behinderteneinrichtung, den Rest der Zeit umsorgt ihn der Vater – seit dem Tod seiner Frau vor 17 Jahren ganz allein.

Einkaufen, das Essen täglich frisch kochen, Ordnung halten, Joachim betreuen und medizinisch versorgen – der ehemalige Bauingenieur Andreas Engert hat alles im Griff. Viermal am Tag misst er Joachims Blutzuckerspiegel und gibt ihm auch die notwendigen Insulinspritzen. Die beiden Männer sind ein eingespieltes Team mit festen Ritualen: montags Sauna, freitags Schwimmbad, jeden Abend ein Spaziergang. Und wenn Joachim aus der Werkstatt nach Hause kommt, sitzen Vater und Sohn erst mal bei Kaffee mit Fleischsalatbrot zusammen. Manchmal unterhalten sie sich, manchmal nicht. Typisch Männer eben.

Vor allem Enkel Michel (20), der selbst ausgebildeter Pfleger ist, zieht seinen Hut vor der Leistung seines Großvaters. „Ich arbeite gerne, aber nach acht Stunden bin ich müde und froh, Feierabend zu haben. Opa macht das 24 Stunden. Das ist schon ziemlich stark“, sagt er. Obwohl Andreas Engert nach zwei OPs und wegen einer Thrombose selbst mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat, kommt ein Heim für ihn auf keinen Fall infrage. Während andere von den ganz großen Sachen träumen, hat er nur einen Traum: „Joachim bleibt bei mir, solange ich kann. Das habe ich meiner Frau versprochen!“