Gemeinsam gegen die Trauer: Die Soulkids

Sie verloren Familienmitglieder an den Krebs oder erkrankten selbst. Doch in der Gruppe machen sie sich gegenseitig stark

Soulkids Stiftung phönixx Krebs Komponieren dichten

Es gibt wohl niemanden, für den sie keine Bedeutung hat: Musik berührt unser Herz! Dass sie ein Ventil für die Seele sein kann und heilende Kraft hat, davon können die Hamburger „Soulkids“ (zu Deutsch: Seelenkinder) ein Lied singen.

Die Teenager haben schon früh erlebt, welche seelischen Wunden Krebs reißen kann. Die einen haben selbst gegen die Krankheit gekämpft, andere durch sie einen nahen Verwandten verloren. Das Projekt „Soulwriting“ (frei übersetzt: Was meine Seele schreibt) der gemeinnützigen „Stiftung phönikks“ hat sie zusammengebracht: Alle zwei Wochen treffen sich bis zu 15 Jugendliche vier Stunden lang, um aufzuschreiben, was sie bewegt und daraus einen Song zu entwickeln.

Das zumindest ist die Kurzfassung. In Wahrheit passiert bei diesen Treffen viel mehr: „Hier kann jeder den anderen verstehen. Das ist etwas ganz Magisches“, beschreibt Waqar-Azeem (25), der seine Mutter verloren hat, die besondere Atmosphäre in der Gruppe. Und Laura (19), die schon zweimal gegen die Leukämie gekämpft hat, ergänzt: „Mich hat ,Soulwriting‘ verändert. Ich bin stärker geworden, weil ich nicht mehr das Gefühl habe, allein zu sein. Hier muss ich nichts erklären, werde nicht bemitleidet, sondern verstanden.“

Heute ist es nur ein kleiner Kreis: Fünf „Soulkids“ sitzen an einem Tisch und plaudern sich erst mal warm. Einer erzählt von seiner Freundin, mit der es nicht mehr läuft. Soll er sich trennen? Ein Mädchen fragt nach einem anderen, das heute nicht da ist. Wie es ihr wohl geht? Dazwischen wuselt Musiktherapeutin Anke Schaubrenner herum, packt Muffins und Kekse aus, kocht Tee: „Ich bin die Mutti hier“, sagt sie lachend. Mit ihrer unverkrampften Art ist sie genau die Richtige, um die Teenager aufzulockern und so aus der Reserve zu locken. Dass es so entspannt zugeht, mag Ida-Lotta (13), deren Bruder an einem Gehirntumor erkrankte, besonders: „Es hilft, wenn locker mit dem Thema umgegangen wird. Die Erwachsenen sind dabei immer so ernst.“

Aufschreiben, was einen tief drinnen bewegt, die Seele entmüllen – sieben Minuten hat jeder dafür Zeit. Philipp (19), dessen Mutter an Krebs starb, schafft in dieser Zeit manchmal mehrere Seiten: „Mein Herz schreibt mit“, sagt er schlicht. Magali (24), die ihre Oma und andere Familienmitglieder verloren hat, lächelt: „Er ist unser Chef-Poet.“ Die Texte – mehr als 100 haben die „Soulkids“ in den vergangenen drei Jahren geschrieben – lesen sie sich dann gegenseitig vor, um daraus Inspirationen für einen Song zu bekommen.

Kostet es nicht Überwindung, sich so zu öffnen? „Nein, denn man spürt hier, dass man keine Angst haben muss. Selbst im Freundeskreis kann ich nicht so reden“, sagt Waqar. Die Melodien kommen dann, genau wie die Texte, fast von allein. Magali: „Wir schauen, wo Poesie drinsteckt.“ Inzwischen hat sich Waqua die Gitarre geschnappt, Magali stimmt einen Song an. Alle sind gelöst und entspannt. Hier kann die Seele aufatmen, hier können Wunden verheilen. Die Heilmittel: die Musik – und das ganz besondere Gemeinschaftsgefühl. Magali: „Wir sind wie eine Familie. Wir tragen uns gegenseitig.“