Ein Beinbruch veränderte sein Leben für immer

Unfall, Keim, Amputation: In den dunkelsten Stunden konnte Rayko (49) auf seine Kinder zählen – jetzt hilft er anderen

Rayko Zenner Beinamputation Krankenhauskeim ToechterEr war eigentlich so banal, der Unfall, der sein Leben für immer veränderte: Auf dem Heimweg von der Arbeit rutschte Rayko Zenner (49) mit seinem Motorrad in der Tiefgarage weg. Diagnose: Trümmerbruch. Schmerzhaft, ja, aber medizinisch keine Herausforderung – bis Klinikkeime die Wunde infizierten. Trotz intensiven Bemühungen ließ sich die Infektion nicht aufhalten. Das Gelenk war zerstört, das Bein nicht mehr funktionsfähig. Rayko Zenner saß plötzlich im Rollstuhl.

Das allein war für den sportlichen Mann aus Berlin schon schlimm. Unerträglich aber waren die Schmerzen. Zwei Jahre lang ging er durch die Hölle. „Ich kam selbst mit starken Schmerzmitteln kaum durch den Alltag“, sagt Zenner. Seinen Job als Kreativ-Direktor konnte der alleinerziehende Vater nicht mehr ausüben. Auch seine Töchter Angelina (19) und Elea (11) mussten zurückstecken. Fußball spielen, schwimmen, spielen: All das war nicht möglich. „Meine Töchter haben trotz allem zu mir gehalten.“ Und sie waren seine größte Motivation: „Ich wollte wieder meine Rolle als Vater ausfüllen können, wieder arbeiten und einfach ein normales Leben führen.“

Der einzige Ausweg: eine Amputation

Die Alternative wäre ein Leben mit Schmerzen. Und in Angst. „Der Keim hätte jederzeit wieder ausbrechen können. Eine Zeitbombe“, sagt Zenner. Bevor er sich zur Amputation entschied, besucht er mit Elea ein Geschäft für Orthopädietechnik, zeigte ihr die Prothesen: „Wie fändest du das, wenn ich so was hätte?“ Die Antwort der damals 8-Jährigen: „Das ist mir egal, Papa. Hauptsache, du bist wieder zu Hause.“

Doch als nun endlich Kopf und Bauch zur Amputation „Ja“ sagten, sagte die Versicherung „Nein“. Es folgte ein Kampf um die Kostenübernahme. Zur Seite standen ihm in der schweren Zeit seine Kinder. Und auch eine Peer-Beraterin am Unfallkrankenhaus in Berlin. Peers, das sind Menschen, die ebenfalls amputiert sind. „Mit ihnen kann man ganz anders sprechen als mit Ärzten. Sie verstehen meine Ängste und Probleme“, erklärt Zenner.

Der 14. Juni 2017, der Tag der Amputation, sei sein zweiter Geburtstag. Dieser Tag wird ab sofort mit der ganzen Familie gefeiert. Rayko Zenner möchte sich dazu einen großen Wunsch erfüllen, sein Motorrad von Fuß- auf Handschaltung umrüsten lassen, um wieder mit Elea Touren fahren zu können: „Das fehlt uns beiden sehr.“

Und: Schon vor seiner Amputation hat Zenner eine Schulung absolviert, die es ihm ermöglicht, selbst ehrenamtlich als Peer zu arbeiten. „Für den Hintergrund wird man auch in Medizin- und Rechtsthemen unterrichtet.“ Am wichtigsten bei der Peer-Beratung aber seien die eigenen Erfahrungen, denn sie machen glaubwürdig. „Wenn ich auf zwei Beinen in ein Krankenzimmer laufe, zeige ich: Ich habe es geschafft, du schaffst das auch.“

Aktuell ist Rayko Zenner in der Reha, bekommt seine endgültige Prothese angepasst. Er hadert nicht mit dem Schicksal. Sein Leben sei heute einfach anders, dafür quasi schmerzfrei: „Die Amputation war die richtige Entscheidung.“